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Mit dem Kajak auf der Weser

Das Jahr 2020 wird wohl als Coronajahr in Erinnerung bleiben. Im Januar hatte man Corona nur im fernen China im Fernsehen wüten gesehen, im Februar verdichteten sich schon Einschläge in Deutschland in Starnberg und Heinsberg und ab März hatte uns das Virus mit Schulschließung und Lockdown voll im Griff. Grenzen wurden geschlossen, Quarantäne drohte für Reisende. Wir blieben deshalb in den Sommerferien in Deutschland und paddelten eine Woche auf der Weser.

Wir wollen die Oberweser in unserem alten Faltboot befahren. Startpunkt sollte natürlich Hann. Münden sein, wo auf der Insel Tanzwerder der 1899 gesetzte Weserstein mit der Inschrift

Wo Werra sich und Fulda küssen
Sie ihre Namen büssen müssen,
Und hier entsteht durch diesen Kuss
Deutsch bis zum Meer der Weser Fluss.

steht und den Anfang der Weser markiert. Knapp 140 Kilometer weiter flussabwärts, in Hameln, wird der Fluß das erste Mal gestaut und jedes große oder kleine Boot muß zur Weiterfahrt eine Schleuse passieren. Hier wollen wir aussetzen und unsere Fahrt beenden. Sechs Tage werden wir uns von der Strömung des Flusses treiben und das schöne Weserbergland an der Oberweser an uns vorbei ziehen lassen. Immer wieder werden wir in Dörfern und Städtchen am Ufer anlanden, Restaurants besuchen und auf Campingplätzen am Ufer das Zelt aufbauen und übernachten.

Das Weserbergland, durch das die Weser in ihrem Oberlauf fließt, ist eine waldreiche, hügelige, etwas verträumte Landschaft ohne nennenswerte Industrie, Großstädte oder vielbefahrene Straßen. Wie an einer Perlenschnur aufgereiht präsentieren sich an der Weser die Städte Hann. Münden, Bad Karlshafen, Beverungen, Höxter, Holzminden, Bodenwerder und Hameln. Sie laden ein, eine Pause einzulegen, das kleine Boot am Kai festzuzurren und sich an den wunderbaren, reich verzierten Fachwerk- und Steinhäusern aus Wesersandstein gebaut im Stile der Weserrenaissance des 16. Jahrhundert zu erfreuen.

Schon das Städtchen Hann. Münden ist ein städtebauliches Juwel. Enge Gassen zwischen Fachwerkhäusern, deren Außenwände keine geraden Linien kennen. Eine vollkommen intakte, historische Altstadt zwischen den Flüssen Werra und Fulda und ein wunderbar restauriertes Rathaus überraschen den Besucher. Im 16. Jahrhundert, besonders zwischen der Reformation und dem 30 jährigen Krieg, erlebten die Städte entlang der Weser eine wirtschaftliche Blüte durch die Handelsverbindung über den Fluß zur Hansestadt Bremen. Die Bürger kamen zu Wohlstand und bauten schmucke, reich verzierte Häuser im damals für diese Gegend Norddeutschlands üblichen Stil der Renaissance. Kein Krieg hat hier in Hann. Münden gewütet und die alte Stadt zerstört, keine Altstadtsanierung tat ihr Bestes, um Autos freie Fahrt und Bürgern moderne Wohnungen zu bieten. Hann. Münden ist ein Schmuckkästchen, das einen Besuch allemal lohnt!

Wir übernachten auf dem schön gelegenen Campingplatz auf der Fuldainsel ‚Oberer Tanzwerder‘ gleich gegenüber Hann. Mündens Altstadt, packen am nächsten Tag unser Boot und setzen in die Fulda ein und gelangen nach ein paar hundert Metern in die Weser.

Die Weser trägt uns flott voran. Der Fluss schlängelt sich durch das obere Weserbergland, auf beiden Seiten flankiert von grünen Wiesen und Wäldern. Links der Reinhardswald, rechts der Bramwald und weiter stromabwärts der Solling und Vogler. Wir starten in Niedersachsen, wechseln ins Bundesland Hessen, dann Nordrhein-Westfalen und ab Holzminden wieder zurück nach Niedersachsen.

Wir übernachten auf Campingplätzen, die zahlreich am Ufer auf urlaubshungrige Touristen warten und gehen abends in nahe gelegene Ortschaften, um in Restaurants zu essen. Wir kreuzen mit unserem kleinen Paddelboot den Weg vieler Rollfähren, die Fußgängern, Radfahrern und manchmal auch Autos die Querung des Flusses ermöglichen. Wir werden von Ausflugsschiffen überholt, wie z.Bsp. der ‚Höxter‘, eines der Fahrgastschiffe der ‚Flotte Weser‚, das regelmäßig zwischen Höxter und weseraufwärts Bad Karlshafen verkehrt.

Wir legen mit unserem Boot häufig an und besichtigen kleine Ortschaften wie Vaacke, ehemalige Benediktinerklöster wie Kloster Bursfeld oder Corvey und alle Städte wie Bad Karlshafen, Beverungen, Höxter, Holzminden und Bodenwerder. Gerade im ehemaligen Kloster Corvey, kurz hinter Höxter, lernt man viel über die Geschichte des Wesertals. Sie reicht weit zurück ins frühe Mittelalter als Kaiser Karl (der Große) die Sachsen besiegte und das Christentum an die Weser brachte. Viele Kirchen und Städte dieser Gegend haben ihren Ursprung in dieser Zeit.

Das Kloster Corvey, gegründet 815 und heute UNESCO Welterbe, entwickelte sich im frühen Mittelalter zu einem geistig-christlichen Zentrum Norddeutschlands und sein Einfluss reichte weit über das Weserbergland hinaus. Von hier gingen viele Klostergündungen aus wie Bursfeld 1093 und stromabwärts Kemnade und das Stift Fischbeck. Corvey hatte eine bedeutende, herausragende Klosterbibliothek mittelalterlicher und römischer Schriften und war sozusagen einer der Denkfabriken und Datenspeicher der damaligen Zeit. Zu großer Berühmtheit gelangte der Mönch Widukind von Corvey, der im 10. Jahrhundert in seiner Res gestae Saxonicae oder Sachsengeschichte die mittelalterliche Zeit unter Otto I. (der Große) beschrieb und heute als eine profunde Quelle der Epoche der Sachsenkaiser gilt.

Man mag es kaum glauben, dass diese friedliche, verträumte Landschaft auch schreckliche Zeiten durchlitten hat. Im 30 jährigen Krieg im 17. Jahrhundert verwüsteten katholische und protestantische Heere wechselseitig die Städte, Dörfer und Klöster an der Weser und verlangten nach jeder Eroberung einen sofortigen Wechsel der Konfession. So belagerte der katholische Graf Tilly 1626 erfolgreich die Stadt Hann. Münden und nahm sie schließlich ein und umgekehrt versuchten protestantische Heerführer die gerade katholische Stadt Hameln zurückzugewinnen, was nach der Schlacht bei Hess. Oldendorf 1633 auch gelang. Jede Eroberung und Rückeroberung war mit unsäglichem Leid für die Befölkerung verbunden. Sehr schön ist dies am Beispiel des Blutbades von Höxter (1634) in einer Abhandlung von Kl. Löffler auf der Webseite des Heimat- und Verkehrsvereins Höxter zu lesen. In diesem ganzen unsäglichen Leid ging auch das mittelalterliche Kloster Corvey mit seiner alten Bibliothek unter und konnte später nie wieder an seine frühere geistige und kulturelle Bedeutung anknüpfen.

Auf halber Strecke zwischen Holzminden und Bodenwerder liegt am Ostufer der Weser der kleine Flecken Polle und auf einer Felserhebung die Ruine der Eversteiner Burg. Gegründet im 13. Jahrhundert von den Eversteiner Grafen wurde die Burg im 30 jährigen Krieg 1621 von Truppen des katholischen Grafen Tilly belagert, erobert und geplündert und später, 1641 zerschossen protestantische, schwedische Truppen die Burg. Am Ende des Zweiten Weltkriegs versuchten deutsche Soldaten Polle unbedingt als Brückenkopf am Ostufer der Weser gegen anrückende US Truppen zu verteidigen. Als Folge der erbitterten Kämpfe wurden die Burg Everstein und die Stadt Polle erheblich zerstört. Die heutige, restaurierte Burgruine kann besichtigt werden. Sie ist ein schöner Aussichtspunkt und gestattet einen weiten Blick über das Wesertal.

Die Deutsche Märchenstraße folgt in ihrem Verlauf der Weser von Hann. Münden bis Bremen und man kann sich gut vorstellen, dass sich die Menschen in Süd-Niedersachsen in warmen Stuben im Winter Märchen wie Schneewittchen oder Aschenputtel weitererzählt haben bis die Gebrüder Grimm sie Anfang des 19. Jahrhunderts gesammelt, aufgeschrieben und veröffentlicht haben. Damit haben die Gebrüder Grimm einen unschätzbaren Beitrag zur Entwicklung der Deutschen Sprache und zur Findung einer Deutschen nationalen Identität nach den Napoleonischen Kriegen geleistet. Hinzu kommen Sagen und Erzählungen aus anderen Quellen: Die Sage vom Rattenfänger von Hameln (ca. 12. Jahrhundert) und die Erzählungen des (Lügen) Barons von Münchhausen aus dem 18. Jahrhundert.

Nachdem wir schon kurz hinter Bad Karlshafen viele Protestschilder ‚KKW Würgassen Nein Danke‘ an Häusern gesehen hatten, schoben sich die Betriebsgebäude des ersten, in Deutschland kommerziell genutzten Kernkraftwerks Würgassen am rechten Weserufer langsam in unser Blickfeld. Der alte Siedewasserreaktor von 1971 wies nach 20 Jahren Betriebszeit erhebliche Risse am Reaktorkern auf und wurde 1997 endgültig still gelegt und demontiert. Trotzdem scheinen wohl die ‚KKW Nein Danke‘ Plakate begründet zu sein: Auf dem Gelände des ehemaligen KKW Würgassen soll wohl ein zentrales, nukleares Eingangslager für das nukleare Endlager Zeche Konrad entstehen.

Das zweite Kernkraftwerk an der Oberweser liegt etwa 10 Kilometer südlich von Hameln. Es ist das KKW Grohnde. Es liefert gut doppelt so viel elektrische Leistung wie das alte KKW Würgassen, wurde 1984 in Betrieb genommen und soll Ende 2021 außer Dienst gestellt werden. Die zwei mächtigen, fast 140 Meter hohen Kühltürme mit ihren hohen, grauen Dampffahnen sind schon von weitem aus unserem kleinen Faltboot zu sehen, wogegen die eigentliche Reaktorkugel so klein ist, dass sie vom Fluss aus nicht eingesehen werden kann. Es ist schon ein erheblicher Kontrast, diese Hightechindustrie der Energiegewinnung und die alten Fachwerkhäuser, die kleinen Flußfähren, die an Führungsdrahtseilen hängen und die Weser, die sich durch ihr hügeliges, grünes Tal schlängelt.

Es gäbe noch viel zu erzählen, z. Bsp. von der ehemaligen Hugenottenansiedlung Bad Karlshafen, der Stadt Bodenwerder mit ihrem ‚Lügenbaron‘ und natürlich der Rattenfängerstadt Hameln, wo unsere Paddeltour endet. Eine Weserfahrt, das ist ein weites Feld. Gar nicht erwähnt werden hier die Radfahrer, die wir auf den Campingplätzen getroffen haben, die Geschichten von einsamen Radtouren in der ganzen Welt erzählten. Trotzdem. Diese Sachen müssen einfach noch gesagt werden: Für uns waren die schönsten Städte an der Weser natürlich Hann. Münden, dann Bodenwerder, Bad Karlshafen und Hameln. Die Weser ab Hann. Münden ist eine Bundeswasserstraße, also ein kommerziell genutzter Fluß. Insbesondere verkehren Ausflugsdampfer ab Hameln, Höxter oder Bad Karlshafen für Touristen, die sich ganz entspannt der schönen Landschaft hingeben möchten. Wir dachten eigentlich, dass wir die Weser mit vielen anderen Freizeitbooten teilen müßten aber das war nicht so. Gefühlt waren wir die einzigen Tourenpaddler auf dem Fluß. Die Weser fließt recht schnell, außer vor dem Wehr in Hameln. Anlanden ist daher nicht ganz einfach und manchmal schießt man am Anleger vorbei und ein zurück gegen die Strömung ist fast nicht machbar. Radfahren auf dem Weserradweg muß toll sein, das haben wir von Radlern auf Campingplätzen erfahren, und das wollen wir woanders zu einer anderen Zeit ausprobieren. Wieder mit Schlafsäcken, Kocher, Isomatten und Zelt aber mit unseren Rädern.


Unsere etwa 180 Kilometer Paddeltour mit unserem Klepper Faltkajak als gpx-Track befindet sich zum Download hier:

  PaddeltourWeser (192,1 KiB, 11 hits)

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