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Chile, zurück nach Santiago

Wir sind auf dem Rückweg nach Santiago de Chile, dem Ausgangspunkt unserer fünfwöchigen Chilereise. Von Putre ganz oben im Norden, nahe der Grenze zu Bolivien geht es 2.100 Kilometer wieder hinunter in den kalten Süden.

Wir fahren alle Serpentinen des Rio LLuta inmitten einer langen Schlange schwerer, bolivianischer Lastwagen, die an den gefährlichen Gefällstrecken in die niedrigen Gänge schalten müssen, von Putre zurück nach Arica und wählen als Unterkunft dort wieder das Star Apart Hotel.

Verabredet haben wir uns mit Andrea und Joerg, der deutschen Familie aus Neuseeland, die wir in Putre kennen gelernt haben. Die Familie hat sich während Joergs Einsatz als Spezialist für Wasseraufbereitung in der Kupfermine von Calama für zwei Monate in einer komfortablen Wohnung in Zentrumsnähe der Stadt Arica einquartiert. Die Familie genießt eigentlich seit über zehn Jahren ein abgelegenes, ökologisch geprägtes neuseeländisches Farmerleben abseits der konsumorientierten, westlichen Lebensweise, wie wir sie bevorzugen. Jetzt, während Joergs beruflichem Einsatz in Chile wollte man die Chance ergreifen mit der ganzen Familie auf einen anderen Kontinent unserer Welt zu ziehen. Dabei sollen die Kinder das Stadtleben mit Autos, Geschäften und Stadtleben praktisch erleben. Gibt es auf der Farm in Neuseeland kein Fernsehen so hat die Arica Wohnung in jedem Zimmer einen zu bieten – wohl eine mediale Vorliebe des Vermieters. Der Strom wird nicht durch ein kleines, von Joerg installiertes Wasserkraftwerk erzeugt sondern kommt einfach aus der Steckdose und das elektrische Netz ist auch noch beliebig belastbar. Hühner, Schweine und Hochlandrinder braucht man nicht mehr eigenhändig zu schlachten, zerlegen und konservieren um an Fleisch zu kommen. Das gibt es im Supermarkt Unimax oder Santa Isabel zu jeder Jahreszeit genauso wie Fisch, Gemüse und Milchprodukte. Was allerdings für die Kinder bleibt wie in Neuseeland ist die tägliche Schulpflicht am großen Esstisch in der chilenischen Mietwohnung. Da gibt es auch für den jüngsten der drei Jungs kein Pardon wenn die schnell gefundenen chilenischen Freunde zum Fußballspielen auf dem Sportplatz vor dem Mietshaus rufen.

Wir haben uns mit der deutsch/neuseeländischen Familie zum Wellensurfen am langen Strand von Arica verabredet. Schnell finden wir dort einen chilenischen Surflehrer, sind uns nach einigem Verhandeln über den Preis einig und auf gehts für die Kinder im Neoprenanzug mit Surfbrett und professioneller Anweisung des chilenischen Lehrers zusammen mit ihm ins Wasser, den Wellen entgegen. Gerald Álvarez, der Surftrainer, gibt sich mit den Jungs viel Mühe. Im Wasser stabilisiert er die Bretter und gibt genaue Anweisung wann der Surfride auf der Welle losgeht, wo die Füße auf dem Brett zu stehen haben und wie die optimale Körperhaltung ist. Wir freunden uns etwas mit Gerald an, einem jungen Chilenen aus Santiago der hier in Arica die kleine Surfschule „Escuela de Surf Aricapro“ betreibt um sich Geld für die saftigen chilenischen Studiengebühren und seinen Lebensunterhalt für sein Lehrerstudium hinzu zu verdienen. Wir sind erstaunt, dass Gerald als Student kein Englisch spricht aber er erklärt, dass die Schule, an der er unterrichtet wurde sehr schlechte Englischlehrer gehabt hätte von denen man nichts habe lernen können. Wir lassen das mal unkommentiert stehen, denn als Surflehrer ist er richtig gut. Er selbst betreibt Wellensurfen intensiver und ernsthafter als nur zum Vergnügen. Er erklärt uns, dass er Surfwettkämpfe in Arica organisiert und selbst an achter Stelle der südamerikanischen Rangliste steht. Wir sind beeindruckt und stolz darauf, dass unsere Kinder von einem echten Experten seines Fachs eingewiesen werden.

Nach drei Surf- und Relaxtagen in Arica fahren wir 250 Kilometer weiter südlich nach Iquique, diesem chilenischen 160.000 Einwohner Städtchen eingequetscht zwischen Pazifik und hohen Sanddünen. Wir fahren vorbei am Gigante de Atacama, einem vor einigen hundert Jahren mit Händen in den Atakamastaub gekratzten Glyphen. Sieht man auf dem hier gezeigten Foto nur die Beine der Figur so ist die wahre, gigantische Größe dieser Landschaftsgravur nur aus der Luft zu erkunden. Übrigens entdeckt man in der Atakama, wenn man aufmerksam die Landschaft betrachtet, an vielen Berghängen diese eigenartigen, aus der Vorzeit stammenden Glyphen.

Wir übernachten in Inquique im Casona 1920 Hostel. Schaut man sich die Webseite des Hostels an so präsentiert es sich aufgeräumt, sauber, wohldurchdacht konstruiert; kurzum einladend. Wir haben dort schon bei unserem ersten Iquique Besuch vor ein paar Tagen übernachtet und mein Kommentar am nächsten Tag war: Keine Nacht länger bleibe ich hier!

Zugegeben, die Manager des Hostels waren – wie fast alle Chilenen – freundlich und herzlich aber der chilenische Herbergscharme konnte bei mir nicht zünden. Das Casona Hostel bietet keine Tripelräume mit privaten Sanitäranlagen nur sogenannte vierer Dorms also Zimmer mit vier Schlafplätzen, in die irgendwelche Weltreisenden einquartiert werden können mit Gemeinschaftstoilette im Innenhof. Nur die Zusage, dass wir in unserem vierer Dorm als Familie alleine übernachten bewegt mich dazu, meinen Widerstand aufzugeben.

Denn Hostels haben auch große Vorteile für Weltreisende: Sie sind die perfekte Informationsbörse. Durch die kargen Schlafräume treffen sich die Gäste aus aller Herren Länder in dem gemeinsamen Essraum mit angeschlossener Küche. Hier werden die Lonely Planet Reiseführer aller Sprachen gewendet, über Karten gebrütet, Pläne gemacht und öffentlich diskutiert und viele Tipps weiter gegeben.

Wir lernten Robin Renitent, seine Frau und seine zwei Kinder im Casona Hostel kennen. Die deutsch/russische Familie war weit gereist: Gestartet 2008 in Kanada, wo sie damals wohnten, führte die Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok, dann nach Süd-Korea, Japan, China, Nord-Korea, in diverse asiatische Staaten, Israel, Indien, Australien, Nord Amerika, Mexiko und jetzt bis ins Hostel Casona in Iquique. Noch knapp ein Jahr will man reisen und sich dann irgendwo in einem Land in der Nachbarschaft Deutschlands, Favorit ist Ungarns Hauptstadt Budapest, niederlassen.

Die Kinder der Renitents, heute 12 und 16 Jahre, gehen in keine reguläre staatliche Schule und werden von den Eltern unterrichtet und sollen auch von der Lebenserfahrung dieser Reise Erkenntnisse gewinnen, die sie fürs spätere Leben fit machen.

Robin Renitent ist nur ein Internetpseudonym – dieser Name ist nicht sein wirklicher. Robin Renitent ist schon von seiner Statur eine kräftige Erscheinung und hat auch einen kräftigen, ausgeprägteren Hang viele Dinge, die wir als Konsens und Basis unseres Kultur- und Gesellschaftskreises akzeptieren, massiv in Frage zu stellen. Und über diese Fragen haben wir eines Abends heftig kontrovers diskutiert.

Dabei ging es um Dinge, die Robin Renitent besonders auch im Internet öffentlich und vehement vertritt, wie: Der Staat mit seinen Lehrern indokriniert unsere Kinder also muß man in ein Land übersiedeln indem man die Kinder selbst beschulen kann. Die Steuerpflicht ist Raub am Eigentum der Bürger. Muslime unterminieren unseren Kulturkreis und sind nur Kostgänger in unserem Staatswesen. Überhaupt hat der Staat im wirtschaftlichen Terrain nichts zu suchen – staatliche Unternehmen müssen privatisiert werden. Und so weiter …

Jeder, der nun neugierig geworden ist, wer Robin Renitent ist und was Robin Renitent noch so für Meinungen absondert und im Internet ohne Skrupel veröffentlicht, der google nach seinem Namen. Da ich seine gesellschaftspolitische Meinung nicht teile und in seinen Weblogs teilweise wüste, persönliche Beschimpfungen enthalten sind, die meiner Ansicht über Umgangsformen im Internet drastisch widersprechen, gibt es hier keinen Link auf die Webseite.

Trotzdem: Robin Renitent und seiner Frau haben wir gerne und interessiert zugehört, wenn sie über ihre Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn, die Reise nach Nord-Korea und die Fahrt von Indiens Norden in den Süden mit Chauffeur berichteten. Diese Familie hatte wohl die extremsten Erlebnisse von allen Weltenreisenden gemacht, die wir kennen gelernt haben!

Unsere Reise ging weiter nach Süden die Ruta 5 entlang bis Antofagasta. Hier wollten wir übernachten – leider konnten wir keine Unterkunft finden. Überall vor den Hotels waren schon die roten Minentrucks geparkt. Ohne Reservierung gibt es in Antofagasta keine Unterkunft sagte man uns. Also fuhren wir bei einbrechender Dunkelheit weiter Richtung Taltal, knapp 300 Kilometer gen Süden und finden gegen 23:00Uhr endlich eine mäßige Unterkunft in einem einfachen Hotel.

Am nächsten Tag geht es weiter. Chiles Landschaft wirkt immer grüner, entwickelter und westlich kultivierter je weiter wir uns Santiago nähern. Die Reise geht über La Serena bis kurz vor Valparaiso. Im Strandvagen Aparthotel in Maintencillo etwa 30 Kilometer vor Valparaiso übernachten wir. Die chilenisch/schwedischen Besitzer kennen uns noch von der Hinfahrt, nehmen uns herzlich auf. Wir berichten von unseren vielen Erlebnissen in Chile, unseren Eindrücken und Begegnungen. Wieder einmal fühlen wir uns richtig nett und warmherzig in Chile aufgenommen.

Über Viña del Mar fahren wir in Valparaiso ein. In Viña del Mar begegnen uns die ersten BMW Z4, Porsches und ähnliche Premium Fahrzeuge. Hier leben die Wohlhabenden und Reichen Chiles. Viele besitzen an der Küste ein respektables Ferienhaus mit exklusivem, unverbaubarem Blick über den Pazifik und nicht weiter als 100 Kilometer von Santiago entfernt. Uns allerdings zieht es weiter in die weltbekannte Hafenstadt Valparaiso.

Valparaiso ist die künstlerische Hauptstadt Chiles. Schmucke Galerien in netten, farbigen und zweistöckigen Häusern prägen das Bild der Altstadt. Viele Restaurants und Cafes findet man hier. Die Altstadt, angelegt an den Hängen der Küstenberge mit ihren Häuschen aus dem 19. und 20. Jahrhundert wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe erhoben und das zu recht wie wir meinen. Ein Besuch dieses nur etwa 100 Kilometer von Santiago entfernten städtischen Kleinods, das doch anders als andere chilenische Städte auf den Besucher wirkt, ist für jeden Chiletouristen ein Muß.

In allen Städten, die wir in Chiles Norden besucht haben, ist die Farbigkeit und die Gestaltung der auf die Häuserfassaden aufgetragenen Graffiti hohe Kunst und keine wie bei uns häufig anzufindende Fassadenschmiererei. Gerade in Valparaiso und in dem Künstlerstadtteil Bella Vista in Santiago findet man einige der besten Kunstwerke. In meinen drei Artikeln über Chile findet man immer wieder Fotos dieser phantasievollen Fassadenmalereien, deren Kunst mich immer wieder begeistert hat.

Zum Abschluß dieses letzten Artikels der Reisetrilogie über unsere Winterreise in den Norden Chiles sei die chilenische Präsidentenresidenz ‚La Moneda‘ in Santiago erwähnt. Diese schlichte jedoch sehr stilvolle Residenz aus dem 18. Jahrhundert erlangte traurige Berühmtheit während des Pinochet Putsches am 11. September 1973 gegen den ersten frei gewählten marxistischen Präsidenten Salvador Allende. Als Allende nicht kapitulieren wollte sondern sich in ‚La Moneda‘, seinem Amtssitz, verbarrikadierte ließ Pinochet kurzerhand den Präsidentensitz seines Landes mitten in der Millionenmetropole Santiago bombardieren und dann erstürmen. Salvador Allende nahm sich in ‚La Moneda‘ das Leben. Der neue Militärdiktator Chiles, Augusto Pinochet, führte ein extrem diktatorisches Regiment. Zwischen 1973 und 1975 war es ein Folter- und Todesregime. Viele Andersdenkende mußten ins Ausland fliehen. Blieben sie im Lande wurden viele gefoltert und getötet oder verschwanden spurlos. Noch heute hat diese bis 1990 andauernde Militätdiktatur ihre Spuren im chilenischen Volk hinterlassen. Wir haben Chilenen getroffen, die Pinochets Regierungszeit im Ausland überlebten und nach 1990 in ihre Heimat Chile zurück kehrten. Sie berichteteten von Verwandten, die von Pinochets Schergen verschleppt wurden und nie zurück kamen. Wir trafen aber auch andere Chilenen, die uns chaotische Zustände in den letzten Regierungsmonaten Allendes schildern, die schlimmen Pinochet Jahre bis 1975 zwar verdammen aber den anschließenden Aufschwung und das geordnete Staatswesen, das Pinochet im Land einführte, loben und als Grundlage des heutigen, demokratischen Staates Chile betrachten. Sei es drum. Die Jugend Chiles hat andere Sorgen. Sie demonstriert heute gegen erhebliche Studiengebühren und fehlende Berufschancen ganz wie ihre gleichaltrigen Kollegen in vielen anderen westlichen Ländern. Hat man Pech dann kann man als harmloser Tourist auch schon mal selbst während einer Demonstration zwischen die Fronten von Studenten und Polizisten auf der zentralen Avenue ‚Liber Bernardo O’Higgins‘ geraten und eine Prise Reizgas in die Augen bekommen. Übrigens sehr unangenehm.


Am Schluß des Artikels gibt es unseren Fahrweg für diesen Streckenabschnitt wie üblich als GPS Track File hier zum Download:

  Chile GPX Track Arica bis Santiago (592,0 KiB, 500 hits)

… und auch den GPS Track File unserer gesamten, 7.000 Kilometer Chile Reise hier zum Download:

  Chile GPX Track Gesamt (1,6 MiB, 516 hits)

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