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In den westlichen Schären Schwedens

Die Scandlines Fähre aus Rügen legte pünktlich um 12Uhr in Trelleborg an und die Fahrt auf der E6 an der Westküste Schwedens konnte beginnen. Das Wetter verschlechterte sich zusehends und ab Göteborg ging dann alles in Dauerregen über. Von der Sonne auf Rügen also in schwedischen Regen, das läßt nichts Gutes erwarten.

60KM hinter Falkenberg streikte das Zugfahrzeug, unser Ford Focus: Der Motor zog nicht mehr richtig, hatte Zündaussetzer und die Motorwarnleuchte ging auf Dauerlicht. Über den ACE in Deutschland kam nach geraumer Zeit ein schwedischer Abschleppwagen, der das Zugfahrzeug auf die Ladefläche zog und den Wohnwagen an den Haken hängte. So gings dann zur nächsten Fordwerkstatt. Am nächsten Morgen, einem Freitag, machte sich die Werkstatt auch prompt ans Werk und zu unserer großen Überraschung kam der Mechaniker nach 1 Stunde mit dem Wagen angefahren und sagte alles ok, Fehler gefunden und prompt behoben. So hat unser Focus nach 9 Jahre eine neue Zündspule spendiert bekommen.

Unsere mittlerweile aufgenommene Urlaubsplanung in Falkenberg konnten wir einstellen. Ab ins Auto, Wohnwagen angehängt und auf in Richtung Norden auf der E6. Ohne richtiges Ziel („ein paar Tage an den Schären wäre ganz nett vor der großen Paddeltour in Dalsland und das Wetter ist ja sowieso zur Zeit schlecht“) verschlug es uns spontan auf die Insel Råssö, südlich von Strömstad und ca. 30KM südlich der norwegischen Grenze. Hier liegt etwas versteckt der Campingplatz Garviks Camping‚ direkt am Wasser in einem Kiefernwäldchen weit weg von größeren Straßen. Wie uns Andreas später erklärte ist der Platz wohl ein privater Klub, der im Sommer freie Plätze an Durchreisende vergibt. Der Platz war für schwedische Verhältnisse recht dicht gepackt, wir fanden ein Plätzchen direkt am Wasser aber ohne Strom umgeben von Schweden und ihren Familien. Familien ist wörtlich zu nehmen: So viele Kinder auf einem Platz, besonders zwischen so 3 und 18 Jahren habe ich noch nie gesehen. In Gruppen, Jungen und Mädchen aber auch alleine und zu zweit auf Mountainbikes auf dem Campingweg, rein überall. Der Spiegel des Lebens zeigt einem wie vergreist es in Deutschland zugeht, wie es anders sein kann und was man auch vermisst. Noch eine Überraschung waren die Toiletten und Duschen. Die Duschen und alle Waschanlagen wurden um 22Uhr abgeschlossen außer am Wochenende, dann erst um 23Uhr. Die Toiletten waren zwar sauber aufgereit in einem gezimmerten Holzhaus untergebracht, es waren jedoch keine WCs sondern das Toilettenloch mündete in einer Plastiktonne, die täglich mit zum Platz gehörenden ehemaligen schwedischen Militärjeeps zur Kläranlage entsorgt wurden. Ein Pauschalurlauber würde spätestens hier seine Reise wohl abbrechen und schon mal das Schadensersatzschreiben an den Veranstalter formulieren; erfahrene Campingfreunde nehmen solche Überraschungen eher als Survivaltraining positiv an (wie betreibe ich den Kühlschrank ohne Strom und wie lange, wo putzen wir die Zähne, die Abendwäsche entfällt heute sowieso).

Andreas lief uns so einfach über den Weg. Zwischen unserem Standplatz und dem Wasser war die Campingpromenade des Platzes, also der zentrale Waldweg auf dem jeder irgendwann mal mehr mal weniger häufig vorbeiläuft, so auch Andreas. Wir saßen gerade draußen und tranken Kaffee, da kam er vorbei, blieb irritiert stehen und sprach uns an: „Seit ihr auch aus Deutschland? Dann sind wir jetzt zu zweit, alles andere sind Schweden“. Andreas war nicht alleine sondern mit seiner Frau Ute und dem Sohn Michel auf dem Platz, alles langjährige Schwedenfahrer. Ute mußte schon einigen Regen dieses Jahr ertragen und die Bücher gingen langsam aus: „Ich habe eine Freundin, die fährt immer nach Korsika in die Sonne. Schöne Küste dort, blaues Meer. Nächstes Jahr fahren wir auf jeden Fall in den Süden …“. Alle gucken verständnisvoll aber jeder weiss: Nächstes Jahr sind sie wieder im Norden mit neuen Büchern und nächstes Jahr kommt ja das stabile Skandinavienhoch wie vor 5 Jahren. Versprochen!

Die Schärenlandschaft an der Westküste Schwedens wird geprägt von Granitfelsen, geschliffen, zertrümmert und erodiert von Eis, Meerwasser, Brandung, Wind und Regen. Bewachsen mit Moosen, Flechten und größeren Pflanzen sowie durch verschiedene Mineraleinschlüsse ist ein Stein nicht gleich dem anderen; eine Felseninsel gleicht nicht der nächsten. Form, Farbe alles ist irgendwie unterschiedlich. Nicht lieblich wie die Schaafweiden bei Gager auf Rügen sondern abweisend und rau. Hoffentlich geben meine Fotos diese Eindrücke so wider wie ich es empfunden habe.

Für die Menschen ist die Schärenlandschaft ein maritimer Freizeitpark. Es tummeln sich Segelboote, Yachten und alle Motobootvarianten auf dem Wasser. Kajaks sind eher selten. Das kurioseste, das wir wirklich gesehen haben: Ein Motorpropeller montiert auf einem Schlauchboot. Es hat eine schweizer Flugzulassung und fliegt wirklich als Wasserflugzeug. Andreas konnte uns das genau erklären: Gebaut von einem Schweizer, der mit seiner Familie schon seit Jahren mit einem riesigen Motorhome in die Gegend kommt. Das Boot kommt zerlegt in Schweden an und wird von seinem Erfinder auf dem Wasser zusammengebaut und liegt in der Badebucht vor Anker. Ist die See ruhig und weht ein laues Lüftchen vom Meer her, zieht der Pilot das Flugboot mit einem anderen Schlauchboot aufs offene Wasser, startet den Propeller und mit beträchtlicher Startbahn und viel Lärm geht es dann wirklich in die Luft. Mitfliegen kann man auch auf eigene Gefahr gegen eine kleine Gebühr und mit viel Mut. Gesehen haben wir nur das Flugboot ruhig auf dem Wasser dümpelnd am Anker hängend. Als Nachweis der Flugeigenschaft zeigte uns Andreas Bilder aus seiner Pocketkamera und wirklich, es ist dokumentiert: Es fliegt!

Will man die Regentage mit ‚Drive and Look‘ Autofahrten überbrücken, so bietet sich ein Besuch in Strömstad Richtung Norden aber besonders Richtung Süden nach z.Bsp. Grebbestad, Fjällbacka und Smögen an. Bis auf Strömstad waren das alles früher mal ganz ärmliche Fischerdörfer am Auslauf von Minifjorden gebaut und überragt von gigantischen Granitfelsbrocken, die man auf jeden Fall besteigen muß. Von oben hat man gigantische Ausblicke in die vorgelagerte Inselwelt der Schären und kann entspannt auf das Treiben in den touristisch erschlossenen Ortschaften herunter schauen.

Geht man so durch die Häfen von Grebbestad, Fjällbacka oder Smögen so gibt es immer zwei Hafenbereiche die nichts miteinander zu tun haben. Ein kleiner Fischereihafen, schmutzig, schweißig, ein Durcheinander von Arbeitsgeräten, Reusen und Netzen; es sieht aus als ob eine Putzkolonne sich hier mal anmelden sollte. An den zweckmäßig plump gebauten Stahlbooten nagt der Rost, nur die Schwedenfahne ist neu gestrichen und der Stinkefingeraufkleber auf die EU sieht gepflegt aus. Der andere Hafen ist das Gegenteil: Gespickt mit schicken, schnittigen Yachten in Kadettweiss ist jeder Liegeplatz belegt. Obendrauf gebräunte junge Leute nicht über 30 (die ‚Alten‘ ziehen das Segeln wohl vor). Schlank mit blendender Figur, Frisur gerade neu gestylt, lackierte Nägel. In einer Hand die Sektflasche, in der anderen das Glas. Wenn man das so sieht, kommt man ins Grübeln: Sitzt der Papa in Oslo oder Göteborg in der 15. Etage des Headquarters und brütet über den nächsten Quartalszahlen? Sind seine Bezüge vielleicht so exorbitant hoch, dass er zu seinem Sohn/Tochter sagt: Mach du das mal mit dem Ausgeben ich habe da keine Zeit für, du kannst das auch besser mit deinen Kumpels. Naja, alles so Ideen.

Zum Abschluß dieses Artikels hier mal eine Auswahl an Bildern. Viel mehr findet man in der Fotogalerie . Aber es sei gewarnt: Das Thema sind Steine, große und kleine.



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