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Lettland

Von der Kurischen Nehrung aus setzen wir mit der kleinen Fähre über nach Klaipėda/Memel und fahren ins Landesinnere Litauens Richtung Norden auf die lettische Grenze zu. Die Fahrt ist abwechslungsreich. Es ist hügelig, Wald wechselt mit bewirtschafteten Getreidefeldern, auch liegen größere Flurstücke brach und es haben sich auf ihnen farbenfrohe Blumenwiesen ausgebreitet.

Wir verlassen die Landstraße und fahren auf Schotter weiter. Einsam gelegene Gehöfte fliegen vorbei; manchmal fahren wir durch kleine Dörfer mit diesen typischen, baltischen Holzhäusern. Wir übernachten im Zemaitija National Park auf einer großen Wiese oberhalb des Sees, der einen beträchtlichen Teil des Parks ausmacht. Am nächsten Morgen geht es weiter und nach knapp 50 Kilometern passieren wir fast unbemerkt die Grenze nach Lettland. Obwohl der Grenzübergang ganz unspektakulär ist, ist Lettland oder Latvija, wie sich der Staat offiziell auf Lettisch nennt, anders als Litauen. Zuerst ist es die Währung. Seit dem 1. Januar 2014 ist der Euro Lettlands offizielles Zahlungsmittel. Polen hatte den Zloty und Litauen den Litas. Am 1. Januar 2015 stellt nun aber auch Litauen auf den Euro um. Estland im Norden führte schon 2011 den Euro ein und ersetzte damit die Eesti Kroon. Das ist für Touristen sehr komfortabel, entfällt doch in den drei Baltischen Staaten das lästige Geldtauschen und das Umrechnen der Preise.

Fundamental unterscheiden sich Litauen, Lettland und Estland in ihrer Sprache. Litauisch und das Lettische sind zwar beides sehr archaische indo-germanische Sprachen, trotzdem können sich Litauer und Letten nicht ohne auf eine dritte Sprache wie Russisch oder Englisch auszuweichen, verständigen. Estnisch gehört zu den finnisch-ugrischen Sprachen und ist eher mit dem Finnischen verwandt. Auch ein Este kann sich mit keinem Litauer oder Letten unterhalten ohne auf das ungeliebte Russisch oder eine andere Fremdsprache auszuweichen. Dabei sind alle diese Länder relativ klein; in der Fläche aber auch bezogen auf die Einwohnerzahl. Estland ist dabei das kleinste Land. Von der Fläche her hat es die Größe Niedersachsens aber es wohnen dort nur etwas mehr Einwohner als in Köln, nämlich 1,3 Millionen. Litauen und Lettland sind etwa gleich groß und flächenmäßig etwas kleiner als Bayern dabei leben in Lettland etwa soviel Bürger wie im Stadtstaat Hamburg, nämlich fast 2 Millionen; in Litauen knapp 3 Millionen.

Bürger und Nichtbürger, das ist in den Baltischen Staaten ein großes Thema. Besonders Estland und Lettland litten während der Sowjetherrschaft aber besonders in der Stalin Zeit unter dem Druck der Russifizierung. Man siedelte Russen an, um die Baltischen Staaten ethnisch stärker in die Sowjetunion einzubinden, die einheimische Bevölkerung zu dominieren aber auch um die Staaten des Baltikums zu industrialisieren. Als Litauen, Lettland und Estland Anfang der 1990er Jahre unabhängig wurden, hatte man das Problem, eine große russische Minderheit mit in den neuen Staat zu übernehmen. Keiner der drei Baltischen Staaten wollte diese Russen akzeptieren und als Bürger anerkennen. Man erklärte sie einfach zu Nichtbürgern, sozusagen als Staatenlose im eigenen Land. Bürger mit vollen bürgerlichen Rechten waren eigentlich nur solche Bewohner des Landes, die entweder die Heimatsprache beherrschten oder vor 1940 einwanderten. Nichtbürger, hauptsächlich Russen aber in Litauen zuerst auch Polen, durften nicht wählen, bekamen keinen Pass und konnten keine Staatsbeamte werden. Auf der anderen Seite sind Nichtbürger vom Wehrdienst befreit und sie haben als Nicht-EU Bürger einfachere, unkompliziertere Einreisemöglichkeiten nach Russland. Berücksichtigt man, dass in den EU Mitgliedsländern Lettland und Estland über 25% der Bewohner Russen sind so ist zu verstehen, dass der Außenminister Russlands, Sergej Lawrow schon 2012 diese Diskriminierung als „Schande für die EU“ bezeichnete, einer Europäischen Union, die ansonsten auf Rechte ethnischer Minderheiten so besonderen Wert legt.

Wir fahren wieder zurück zur Ostseeküste und genießen hinter dem Fährhafen Ventspils die einsamen, weiten, feinen und weissen Ostseestrände. Am Kap Kolka mitten im Nationalpark Slītere biegen wir in die Rigaer Bucht ein und fahren durch das mondaine Badestädtchen Jūrmala nach Riga, die Haupstadt Lettlands.

Riga ist eine tolle Stadt. Der Stadtkern um den alten, im 13. Jahrhundert erbauten wuchtigen, gotischen, evangelisch-lutherischen Dom St. Marien erinnert spontan an alte norddeutsche Hansestädte. Viele mittelalterliche Plätze und kleine Seitengassen laden zum Bummeln ein und Restaurants verführen zum Rasten.

Der Turm der zweiten, das alte Zentrum Rigas besonders prägenden mittelalterlichen Kirche St. Petri, kann bestiegen werden und bietet einen tollen Blick über die Stadt Riga und das Umland. Muss man Kirchtürme sonst immer in schmalen, endlosen Wendeltreppen mühsam besteigen so bringt den Besucher in dieser Kirche ein Fahrstuhl bis fast zur Aussichtsplattform. Mehr Komfort kann man nicht erwarten.

Direkt neben dem wunderschönen Schwarzhäupter Haus, ein altes, im 14. Jahrhundert erbautes Gildehaus, das von der Deutschen Wehrmacht im 2. Weltkrieg bei der Eroberung Rigas zerstört wurde und nach dem Krieg detailgetreu wieder aufgebaut worden ist lohnt ein Abstecher in das Okkupationsmuseum Rigas. In diesem quaderförmigen Zweckbau am Rathausplatz Rigas wird dem Besucher mittels Fotos, vielen Dokumenten und Filmen die schmerzhafte neuere Geschichte Lettlands und damit zugleich aller baltischen Staaten erklärt. Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt dabei ganz klar auf der Zeit von 1940 bis zur Erlangung der Souveränität 1991. Viele Dokumente aus der Zeit vor 1945 sind in Deutsch original ausgestellt darunter eine deutsche Abschrift des geheimen Hitler/Stalin Zusatzprotokolls unterschrieben von Ribbentrop und Molotow in dem die Interessensphären beider Diktaturen abgesteckt wurden. Wir erfahren weiter, dass in Riga ein Ghetto zur Aufnahme lettischer Juden von den Nazis eingerichtet worden ist und wir erfahren auch wie brutal die Siegermacht Sowjetunion das kleine Lettland nach dem Krieg annektiert hat, viele lettische Intellektuelle deportierte und dass bis in die späten 1950er Jahre lettische Freiheitskämpfer für die Unabhängigkeit Lettlands von der Sowjetunion kämpften. Beim Verlassen dieses zum Nachdenken anregenden Ortes werfen wir einen Blick in das ausliegende Gästebuch des Museums. Neben Einträgen vieler unbekannter Besucher stoßen wir auf die Unterschriften von Angela Merkel und Joachim Gauck anlässlich eines Staatsbesuchs in Lettland.

Nun ist es genug der vielen Worte und ich möchte Fotos sprechen lassen!


Am Schluß des Artikels gibt es den GPS Track File unserer Polen/Balkan Reise ab und bis Hamburg hier zum Download:

  Track_PolenBaltikumEntlangDerOstsee (1,9 MiB, 401 hits)

und wichtige und nützliche Wegepunkte findet man hier als Garmin gpx-File. Es sind schöne Campingplätze und :

  Wegepunkte_PolenBaltikumEntlangDerOstsee (2,7 KiB, 394 hits)


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