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Litauen

Litauen ist der erste der drei Baltischen Staaten den wir auf unserer Reise, die uns entlang der Küste von Mecklenburg-Vorpommern, Polen bis nach Lettland und Estland führen wird, besuchen.

Die Grenze von Polen nach Litauen passiert man wie wir es im Westen schon seit Einführung des Schengener Abkommens Mitte der 80er Jahre kennen. Keine Grenzabfertigung, kein Schlagbaum oder ähnliche Schikane. Am Straßenrand steht plötzlich ein blaues Schild mit 12 goldenen Sternchen im Kreis und in der Mitte steht Lietuva, der offizielle Name der Republik Litauen. Wir sind also ab jetzt in Litauen.

Litauen ist ein kleines Land. Auf einer Fläche, die 1/6tel derjenigen der Bundesrepublik Deutschland entspricht, leben 3 Millionen Menschen. Damit ist Litauen objektiv nicht sehr dicht besiedelt jedoch trifft man überall auf dem Lande kleine Bauernhöfe mit Haupthaus und Wirtschaftsgebäude, Nutzgarten und viel Blumenschmuck im Vorgarten. Die Landstraßen, ausgenommen die Autobahn zwischen Vilnius, der Hauptstadt, und Kaunas, sind schmal. Abseits auf den kleinen Straßen fährt man oft auf Schotterwegen und der feine Staub pudert unser Auto rasch ein sodass die Aussenfarbe sich in ein schmutziges Grau verwandelt.

Unser erstes Ziel ist Vilnius, die Hauptstadt Litauens. Vilnius, früher im Deutschen Wilna genannt, ist eine rein baltische Stadtgründung. Anders als in den Hauptstädten Riga und Tallin der anderen beiden Baltischen Staaten sucht man hier vergebens nach prägenden Spuren des Deutschritter Ordens oder der Hanse. Die Grenze zu Weißrussland ist 40 Kilometer entfernt und daher ist der russische Einfluss auf das Stadtbild für den Besucher offensichtlich. Keine Kaufmannshäuser mit den gotisch geprägten Giebeln gibt es hier wie etwa in Danzig und Speicherhäuser wie in Tallin finden wir auch nicht. Weisse Fassaden dominieren das Stadtbild und große, freie Plätze und Grünanlagen. Russisch-orthodoxe Kirchen mit dem Doppelkreuz und dem Querbalken sind vertreten neben schönen römisch-katholischen Gotteshäusern. Litauen war lange in Personalunion mit dem Königreich Polen verbunden, ehe 1795 Polen-Litauen vollständig unter den mächtigen Nachbarn aufgeteilt und Litauen in das Zarenreich Russlands eingegliedert wurde. Erst nach dem ersten Weltkrieg erhielten alle drei Baltischen Staaten ihre politische Unabhängigkeit, die aber nur recht kurz währte und durch den Hitler-Stalin Pakt abrupt 1940 endete. Litauen verkam zu einer von vielen Sozialistischen Sowjetrepubliken ehe das Land im August 1991 endgültig seine Unabhängigkeit wieder erlangte und 2004 der EU und NATO beitrat.

Wir haben die zwei Tage in Vilnius genossen! Die 500.000 Einwohnerstadt Vilnius wirkte auf uns irgendwie offen und doch bodenständig, provinziell aber authentisch. Kein Strom wissbegieriger Kreuzfahrt-Touristen dominiert das Stadtbild. Alles ist sauber und die Fassaden im alten Stadtkern wurden sorgfältig restauriert. Wir verstehen, dass diese Stadt 2009 zur Kulturhauptstadt Europas ernannt wurde.

Uns zieht es weiter. Von Vilnius aus könnte man nordwärts fahren und in den Regionalparks Asvejos, Labanoro und Gražutės Ruhe und Muße finden mit viel Wald und Paddelseen und Flüsschen vom Feinsten. Aber wir haben noch viel vor und uns zieht es weiter auf der A1 über die ehemalige Hauptstadt Kaunas hinaus parallel zum Fluss Memel, litauisch Nemunas, bis ans Kurische Haff.

Auf dem letzten Teilstück der Memel ist der Fluss Grenzfluss Litauens zur russischen Exklave Kaliningrad, dem ehemaligen Ostpreussen. Mehrmals können wir direkt nach Russland hinüberschauen und gegenüber von Tilsit, dem heutigen russischen Sowetsk, fahren wir direkt auf die Grenzbrücke zu. In Tilsit, mitten auf der Memel trafen sich 1807 Kaiser Napoleon und Zar Alexander I. um im Frieden zu Tilsit ihre kriegerischen Auseinandersetzungen zu beenden und Europa in eine französische und eine russische Interessensphäre aufzuteilen. Genau diese historische Szene ist fantastisch in Leo Tolstois monumentalen Roman ‚Krieg und Frieden‘ beschrieben und kommt mir beim Blick auf den Grenzfluss Memel und die Stadt Tilsit am anderen Ufer wieder in den Sinn.

An der Einmündung der Memel in das Kurische Haff bildet der Fluss ein kleines Delta. Dieser einsame und entlegene Teil Litauens bildet den Memel Delta Regionalpark oder auf litauisch, den Nemuno deltos regioninis parkas. Wir übernachten auf einem kleinen aber sehr gepflegten Campingplatz am Haff gegenüber dem ehemaligen Fischerdorf Nidden, litauisch Nida, auf der schmalen Kurischen Nehrung. Genau hier nach Nidden, das wir auf der anderen Seeseite verschwommen sehen können, wollen wir hin. Täglich fährt vom Anleger am Campingplatz ein kleines Boot für Passagiere und Fahrräder morgens hinüber und abends wieder zurück. Nur montags nicht. Und Morgen ist Montag.

Wir fahren also am Montag 50 Kilometer weiter zum Fährhafen der Stadt Klaipėda, auf Deutsch Memel. Hier haben wir Glück und kommen fast ohne Wartezeit auf die Fähre, die die knapp 1.000 Meter breite Meerrinne überquert, die das Kurische Haff mit der Ostsee verbindet.

Die Kurische Nehrung ist die nordöstlichste der drei Nehrungen der Ostsee vor dem ehemaligen Ostpreußen. Eine Nehrung ist ein schmaler Sanddünenstreifen in der südlichen Ostsee mit einer Breite von 2-4 Kilometern aber sie kann durchaus 100 Kilometer lang sein. Die Kurische Nehrung gehört politisch etwa zur Hälfte zu Russland und Litauen. In der Mitte, kurz hinter dem kleinen Touristenort Nidden verläuft die Grenze mit Passkontrolle und Zoll und Schlagbaum.

Wir ergattern einen Platz auf dem einzigen Campingplatz der Kurischen Nehrung auf litauischer Seite, in Nidden. Nidden war früher ein kleines Fischerdorf der Kuren, eines der vielen ursprünglichen baltischen Stämme. Um 1900 entdeckten Künstler den Reiz dieser Landschaft. Das Gasthaus Blode in Nidden war Treffpunkt vieler expressionistischer, deutscher Maler und bekannter Literaten. Auch Thomas Mann mit seiner Familie verbrachte hier auf Nidden seinen Sommerurlaub und war von der Natur und dem künstlerischen Milieu so angetan, dass er sich entschloss, 1929 auf Nidden ein Ferienhaus zu erbauen. Mit seiner Familie verbrachte der berühmte Literatur-Nobelpreisträger und Verfasser des Romans ‚Die Buddenbrooks‘, Aufstieg und Fall einer Lübecker Kaufmannsfamilie im 19. Jahrhundert, seine Sommerferien in den Jahren 1930-32 in diesem Haus. Nach der Ausreise Thomas Manns aus Nazi-Deutschland 1933 erfolgte seine Ausbürgerung und das inländische Vermögen des Dichters wurde eingezogen. Das Ferienhaus der Manns in Nidden riss sich Hermann Göring unter den Nagel und er reihte es in die Sammlung seiner diversen Jagdhäuser unter dem Namen Elchenhain ein. Fast wäre dieses geschichtsträchtige Haus nach dem Krieg unter sowjetischer Herrschaft abgerissen worden. Dem litauischen Schriftsteller Antanas Venclova gelang es in den 1960er Jahren, dass das Thomas Mann Haus zu einer Gedenkstätte erklärt wurde. Heute ist das Haus ein Museum und man kann Manns Arbeitszimmer besichtigen und den phantastischen Blick aus dem Fenster über das Kurische Haff.

Aber die Kurische Nehrung hat noch mehr zu bieten. Die langen, breiten Ostseestrände mit dem typisch, unglaublich feinen Sand. Eine einmalige Dünenlandschaft mit den großen Wanderdünen, die unaufhaltsam Dörfer, die dem Flug des Sandes im Wege stehen, verschlucken. Und es gibt eine große Kormoran Brutkolonie, die man beobachten kann. Fährt man aus Nidden hinaus und biegt in die Landstraße, die die Kurische Nehrung wie ein Rückgrat in Längsrichtung durchzieht, nach links ab so trifft man nach ein paar Kilometer mitten im Wald auf eine neu erbaute, wuchtige Grenzstation. Hier endet Litauen und die Europäische Union. Ohne Visum, das man beantragen muss und dessen Bearbeitungszeit einige Tage dauert, kann man dieses Sperrwerk nicht überwinden. Schade eigentlich im heutigen Europa.


Am Schluß des Artikels gibt es den GPS Track File unserer Polen/Balkan Reise ab und bis Hamburg hier zum Download:

  Track_PolenBaltikumEntlangDerOstsee (1,9 MiB, 400 hits)

und wichtige und nützliche Wegepunkte findet man hier als Garmin gpx-File. Es sind schöne Campingplätze und :

  Wegepunkte_PolenBaltikumEntlangDerOstsee (2,7 KiB, 393 hits)


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