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Chile, Feuerland und Torres del Paine

Wir sind auf der Rückfahrt. Die südlichste Stadt der Welt, Ushuaia in Argentiniens Feuerland haben wir verlassen, in Rio Grande übernachtet und nun fahren wir wieder auf die Grenzstation San Sebastian zu, zum Grenzübergang nach Chile.

Das übliche Stempeln lassen wir über uns ergehen; erst bei den Argentiniern, dann ein paar Kilometer weiter, in denen es durch Niemandsland geht, bei den Chilenen. Alles geht zügig voran, keine Warteschlangen. Diesmal überlassen wir den Zollbeamten auf der chilenischen Seite nicht wieder ein gut gefülltes Präsentkörbchen mit Äpfeln, Gurken und Eiern. Eine angebrochene Dose mit Leberwurst läßt der Beamte heute etwas missmutig passieren, offenbar ist der Hunger nicht allzu groß. Wir werden durchgewunken und weiter geht es hinein in die weite, patagonische Pampa, den ‚Wilden Westen‘ Südamerikas.

Wir fahren über 100 Kilometer auf einer breiten Schotterpiste in Richtung des Städtchens Porvenir, was soviel wie ‚Zukunft‘ heißt. Wir ziehen wieder eine lange Staubfahne hinter uns her; überholt uns ein anderes Fahrzeug dann wird uns die Sicht genommen und alle Konturen der Landschaft und der Straße lösen sich auf in einen gelblichen Staubnebel. Auf den runden Kieselsteinen, die den Fahrbelag der Straßendecke bilden, bockt unser Fiat wie ein störrisches Wildpferd. Dabei führt die Schotterstraße recht anmutig windungsreich entlang einer langgezogenen Bucht der Magellanstraße, die den Atlantik mit dem Pazifik verbindet und die Feuerland im Süden vom kontinentalen Südamerika trennt.

Es ist an der Zeit Klaus Bednarz zu erwähnen und dessen tolles Buch ‚Am Ende der Welt ‚ mit dem Untertitel ‚Eine Reise durch Feuerland und Patagonien‘, erschienen 2004 im Rowohlt Verlag. Dieses Buch, geladen auf einem eBook, war unsere ständige Begleitlektüre. Wir haben es vorgelesen, wenn wir im Auto fuhren und dabei die Erlebnisse von Klaus Bednarz mit unserer Wahrnehmung verglichen und wir konnten durch seine Schilderungen Dinge über dieses Land zwischen den Ozeanen erfahren und lernen, die wir sonst glatt übersehen hätten. Klaus Bednarz hat als politischer Journalist eine angenehme und liebenswürdige Art, den Menschen, die er trifft und die er interviewt, eine Stimme zu geben und uns auf diese Weise Einblicke in das Leben und die Geschichte Patagoniens mit ihren mannigfachen Zerwürfnissen und dunklen Seiten zu geben.

Plötzlich wird die langweilige Pampasteppe lebendig. Wir erfahren von Klaus Bednarz von Goldfunden auf Feuerland in der Nähe von Porvenir in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts. Bis dahin war Feuerlamd praktisch nur Heimat nomadisierender Indianer. Als kurz danach Ingenieure die industrielle Ausbeutung der Goldschätze Feuerlands als Erfolg versprechend testierten begann der Run auf dieses Zipfelchen am Ende der Welt erst richtig. Es kamen Abenteurer aus aller Herren Länder mit Mut zum Risiko, ohne Skrupel bei der Durchsetzung ihrer eigenen Interessen. Es wurde Geld gesammelt, Aktiengesellschaften zur Goldgewinnung gegründet, Maschinen für Feuerland beschafft und das Land um Porveneir umgegraben und ausgewaschen um das Edelmetall zu gewinnen. Porvenir trug seinen Namen ‚Zukunft‘ damals zu Recht: Es war eine argentinische Boomtown – aber nicht für die hier heimischen Bewohner indianischen Ursprungs. Die in Feuerland heimischen Indianer störten natürlich in diesem Spiel, bei dem man ihr Land brauchte. Man erschoss sie einfach; sie galten als Tiere und waren nicht mehr wert als Robben oder Guanacos. Es wurden Prämien für denjenigen bezahlt, der zwei Ohren einheimischer Indianer als Beweis für deren Tod beibrachte. Unglaublich und unvorstellbar!

Auch ein anderes Gold hielt Ende des 19. Jahrhunderts Einzug in Patagonien: Die Schafswolle. Es etablierten sich die großen Estancias mit ihren riesigen, tausende von Hektar großen Schaffarmen, denn auf dem Pampagras in Patagonien gediehen die Schafe prächtig und der Preis für Schafwolle auf dem Weltmarkt explodierte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts förmlich.

Dies ist die Blütezeit der chilenischen Stadt Punta Arenas, gelegen an der Magellanstraße. Vor dem Bau des Panama Kanals war die Magellanstraße die wichtigste Schiffsroute zwischen dem Ostteil der amerikanischen Kontinente und dem Westteil.

Auf den Estancias im Süden Patagoniens rund um Punta Arenas etablierten sich die mächtigen Dynastien der Schafzüchter, der Mendozas, Brauns und Nogueiras. Sie waren die großen Profiteure des Booms auf dem weltweiten Wollmarkt. Sie verstanden es nicht nur Wolle und Fleisch zu erzeugen, sondern dominierten auch den Handel mit diesen Waren über den Hafen von Punta Arenas hinaus in alle Welt. Ihr Reichtum war unvorstellbar und für das ansonsten bitter arme Land schier grenzenlos. Ähnlich umfassend war ihre politische, wirtschaftliche und militärische Macht. Was sie anordneten war Gesetz.

Die ersten, die die Macht der Schafzüchter zu spüren bekamen waren die seit Jahrhunderten hier lebenden Indianer. Sie wurden einfach getötet, wenn sie zu sehr störten und auf ihren Landrechten bestanden oder sie wurden zusammengetrieben und gefangen genommen und zu einer katholischen Missionsstation auf der Insel Dawson vor Puntas Arenas in der Magellanstraße interniert um sie zu missionieren und umzuerziehen und um aus ihnen letztlich sesshafte und arbeitswillige Arbeitskräfte zu machen. Viele überlebten diese Behandlung nicht und starben an von Weißen übertragenen Krankheiten oder an den harten Repressionen in der Missionsstation.

All das ist nicht immer aufgearbeitete patagonische Vergangenheit und eine spannende Geschichte zum Vorlesen wenn man durch diese heute friedliche Landschaft als Tourist fährt. Wie mit den meisten ungezügelten Wirtschaftsbooms fand der Goldrausch nach zehn Jahren ein jähes Ende als man merkte, dass die Goldvorkommen um Porvenir doch nicht ergiebig genug sind. Die meisten Abenteurer und Goldsucher verschwanden aus Feuerland, einige ließen sich in Porvenir nieder, andere arbeiteten auf den Estancias. Heute ist Porvenir mit seinen etwa 5.000 Einwohnern ein verschlafenes Städtchen mit breiten Straßen auf denen kaum ein Auto fährt und vielen farbigen, einstöckigen Häuschen. Höhepunkt des Tages ist sicher die tägliche Ankunft der Fähre aus Punta Arenas.

Auch die exzessive Wirtschaftsmacht der Schafzüchterclans fand ein Ende. Der erste wirtschaftliche Schlag erreichte Punta Arenas, das Zentrum des patagonischen Wollhandels und Knotenpunkt der Schiffahrt vom Atlantik in den Pazifik als 1914 der Panama Kanal eröffnet wurde und die Magellanstraße ihre Bedeutung für den Warenverkehr verlor. Dann brach im 1. Weltkrieg der Wollmarkt zusammen, die Handelswege nach Europa waren durch den Krieg unterbrochen und Baumwolle und Mischgewebe lösten die Schafwolle als Rohstoff für Kleidung immer häufiger ab. Der Preis für Wolle verfiel drastisch und die Schafzüchter ließen die Löhne ihrer Arbeiter auf den Estancias ins bodenlose fallen und verschlechterten deren Arbeitsbedingungen drastisch. Als Folge organisierten sich die Landarbeiter und es kam ab 1920 zum Streik. Dieser wurde von einer zwielichtigen Interessengemeinschaft aus Schafzüchtern, Staatsverwaltung, Militär und Polizei blutig niedergeschlagen und unterdrückt. Es wurden in den Folgejahren Menschen verschleppt, gefoltert und getötet. Ein blutiger Höhepunkt war die wahllose Erschießung von Arbeitern auf der Estancia ‚La Anita‘ bei El Calafate auf der argentinischen Seite Patagoniens.

Das ist Vergangenheit, nicht wirklich aufgearbeitet zwar und während der Militärdiktaturen in Chile und Argentinien totgeschwiegen aber trotzdem würden diese Greueltaten heute so in Patagonien nicht mehr möglich sein!

Heute leben die 100.000 Einwohner von Punta Arenas hauptsächlich von Tourismus, Erdöl, das in Feuerland gefördert wird und natürlich weiterhin von Schafzucht, Wollhandel und Fischfang. Wir empfanden Punta Arenas als eine sehr reizvolle Stadt. Der alte Friedhof zeugt vom einstigen Glanz dieser Stadt genauso wie die im klassizistischen Stil erbauten Stadthäuser der Mendozas, Brauns und Nogueiras.

Das zentrale Magellandenkmal auf dem ‚Plaza de Armas‘ von Punta Arenas sollte man sich unbedingt anschauen: Magellan in Siegerpose, ein Fuß auf einer Kanone, rechts und links wilde, besiegte Indianer, die flehentlich aber doch ein wenig stolz zu ihm aufschauen, versehen mit den Überschriften ‚Tierra del Fuego‘ und ‚Patagonia‘. So denke ich, stellte man sich damals das Gesellschaftgefüge vor – und manche hängen ihm auch heute noch nach.

Der alte Friedhof von Punta Arenas zeugt von der multikulturellen Einwanderungswelle in diese Stadt und sicher auch in diese Region. Man findet gemauerte Gräber und Familiengrüfte mit Inschriften in Spanisch, Deutsch, Englisch, Kroatisch, Russisch – um nur einige zu nennen.

Da gibt es eine Grabanlage auf der der Name eines Einwanderers aus Berlin steht, der hier in Chile die letzte Ruhe zusammen mit seiner Ehefrau, die in London geboren wurde, fand. Da gibt es die monumentalen Mausoleen der Schafzüchterdynastien, die auch noch im Tode etwas Besseres sein wollten, neben dem Grab des kleinen Indianerjungen, das zu einer wahren Pilgerstätte geworden ist und dessen Wände mit kleinen Danksagungstäfelchen übersäht sind. Auch eine Grabanlage für die Toten der Besatzung des Ostasiengeschwaders des Deutschen Kaiserreiches, die ihr Leben bei einem Seegefecht unter dem Kommando des Grafen von Spee im 1. Weltkrieg bei den Falkland Inseln einbüßten, fanden wir.

Die Stadt bietet aber auch noch mehr: Nette Restaurants, liebevoll, mit vielen alten Kochgeräten dekorierte Kaffees und das „Hostal Patagonico“, in dem wir übernachteten, mit seiner familiären Atmosphäre, das wir an dieser Stelle nur wärmstens empfehlen können.

Unsere Reise ging weiter nach Puerto Natales, einem kleinen Hafenstädtchen am Eingang des etwa 90 Kilometer entfernten chilenischen Nationalparks ‚Torres del Paine‘. Puerto Natales ist ein kleines chilenisches Städtchen, das vom Tourismus und Fischfang lebt. Von hier aus startet die viertägige Fährpassage durch die Fjordlandschaft Chiles hinauf zum 1.200 Kilometer entfernten Puerto Montt im Norden Chiles, die Klaus Bednarz in seinem Buch beschreibt, mit der berüchtigten Überfahrt auf dem tückischen ‚Golfo de Penas‘ oder ‚Golf der Leiden‘.

Wir entschieden uns, in Puerto Natales im ‚Hostal Los Pinos‘ zu übernachten, dort Abends in Resturants mit den klangvollen Namen ‚Don Jorge‘ oder ‚Ultima Esperanza‘ zu gehen und nett zu essen anstatt die überteuerten Übernachtungs- und Restaurantpreise im Nationalpark selbst zu zahlen. Wir empfanden es als angenehm, nach dem Restaurantbesuch die Hafenpromenade von Puerto Natales entlang zu schlendern und auf das ein oder andere Kreuzfahrtschiff verträumt zu schauen, das hier wie die ‚Bremen‘ von Hapag Lloyd, vor Anker liegt.

Die Torres del Paine sind das erste, spektakuläre Bergmassiv der südamerikanischen Anden, das wir sahen. Es ist ein gewaltiges, etwa 2.500 bis 3.000 Meter hohes Bergmassif; ein von Gletschern spektakulär geformtes Granitgebirge. Seine Umrundung auf dem alpinen Wanderweg ‚Torres del Paine Circuit‘ dauert etwa acht bis zwölf Tage mit tollen, immer wechselnden Blicken auf das Gebirge (Hans-Joachim, ist das nichts für Dich nach der Nepal Trecking Tour? ). Auch kann man das ‚Große W‘, einen Wanderweg, der im Norden des Parks beginnt und nach vier Wandertagen am Lago(=See) Grey am Südende des Parks endet und der auf der Karte wie ein W aussieht, laufen. Uns war es aber zu windig und Nachts zu kalt zum zelten und vielleicht lassen wir auch nach all unseren Unternehmungen etwas nach. Wir begnügten uns jedenfalls damit, die 18 Kilometer Rückweg vom Hotel ‚Los Torres‘ zum gleichnamigen Aussichtspunkt, der in einen Granitkessel hinein führt, mit Blick auf spektakuläre Granitwände und Granitzinnen in einem Tag zu erwandern.

Fährt man durch Patagonien und Feuerland so sieht man immer wieder kleine Altäre am Straßenrand, liebevoll mit wehenden Fahnen, Blumen, gefüllten Wasser- oder Weinflaschen ausgeschmückt. Manchmal steht ein Auto davor und ein Mann oder eine Frau beten andächtig. Die Menschen haben ihr kleines Gotteshaus dahin gestellt, wo sie es am liebsten hätten und halten Zwiesprache mit Gott und dem Heiligen am Altar, der bei Gott für den Betenden ein gutes Wort einlegen soll. Manchmal sind auch kleine Zettel oder Bilder abgelegt mit einer Danksagung für Gott für etwas kleines Großartiges. Manchmal nur für Schulnoten oder eine Schulversetzung, manchmal für einen neuen Job. Auch das ist eine liebenswerte Seite der Menschen hier in Patagonien, ihre naturverbundene, elementare Gläubigkeit, die nicht in groß ausgeschmückten Kirchen zelebriert wird sondern ganz bescheiden irgendwo am Wegesrand.


Am Schluß des Artikels gibt es unseren Fahrweg für diesen Streckenabschnitt wie üblich als GPS Track File hier zum Download:

  ChileFeuerland (236,2 KiB, 461 hits)

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  1. Herbert Gans (FFC)’s Avatar

    Grüsse in die Ferne an Euch Weltreisenden!
    Danke für den Bericht aus aussergewöhnlichen Landschaften – alles zusammen: Sommer-Eis und Schnee-Gebirge-Meer-Eisberge!

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