• SydneyAustralien

Argentinien, Patagonien bis Feuerland

Unsere Argentinienreise soll uns in sechs Wochen von Bariloche am Fuße der Anden quer über den südamerikanischen Kontinent nach Comodoro Rivadavia am Atlantik und dann südwärts nach Feuerland bis Ushuaia, bei Punta Arenas hinüber nach Chile zu den Torres del Paine, dann wieder bei El Calafate hinüber nach Argentinien und letztlich immer weiter entlang der Anden zurück nach Bariloche führen.

Mittlerweile haben wir uns mit Argentinien, der Mentalität der Menschen und den Besonderheiten des Landes gut arrangiert und durchaus angefreundet und versuchen unsere individuelle Art des Reisens mit dem Auto erfolgreich und entspannt umzusetzen.

Es kommt uns dabei zu Gute, dass wir vor 26 Jahren ein Jahr in Spanien gelebt haben und dort zum Teil recht intensiven Spanisch Unterricht genossen hatten. Diese Sprachkenntnis ist in Argentinien und Chile von unschätzbarem Vorteil, denn besonders auf dem Lande spricht man kein Englisch. Trotzdem ist das Verstehen der Südamerikaner in ihrer eigenen vom Spanischen abgeleiteten Mundart nicht einfach und erfordert immer wieder genaues Hinhören.

Patagonien, das südliche Drittel des südamerikanischen Kontinents ist, wenn man von der Bergkette der Anden ostwärts fährt, ein sanft hügeliges und im Südosten zwischen Puerto Deseado und Feuerland ein fast flaches Land. Man fährt durch recht eintönige Grassteppe meist auf asphaltierten Straßen. Manchmal gibt es Abzweigungen zu weit entfernt liegenden Estancias, wie hier die großen Rinder- oder Schaffarmen genannt werden. Von Zeit zu Zeit passiert man ein kleines, auf uns ärmlich wirkendes Dörfchen am Straßenrand mit einer Tankstelle und einem rustikalen Hotel – wenn man Glück hat. Meistens begleitet die Straße rechts und links ein kilomertlanger Zaun um die Weidegebiete von der Straße abzutrennen und um die Eigentumsverhältnisse zu manifestieren. Mit unserer vor kurzem gewonnenen Reiseerfahrung aus anderen Ländern werden wir immer wieder an ähnliche Landschaftsmuster in Namibia und besonders dem australischen Outback erinnert; einzig was fehlt ist der rostrote, feine Sand, der gerade in Australien der weiten Steppe diese charakteristische Farbtönung gibt.

In Australien und Neuseeland fuhren viele dicke Motorhomes mit großer, bunter Werbeaufschrift des Verleihers auf den Straßen; solche Fahrzeuge trifft man hier in Argentinien nicht. Es wäre wohl auch ein zu großes Risiko für die geschätzten Touristen. Reisende, die wir trafen, reisten entweder mit den komfortablen Überlandbussen oder wie wir mit unauffälligen Kompaktautos der Golf, Focus oder Astra Klasse durch das Land mit Übernachtungen in Hotels oder Hostels. Die Fortbewegungsart richtet sich dabei ganz nach dem Budget des Reisenden.

Ganz im Süden auf Feuerland begegneten uns häufiger dick bepackte Tourenradler, die einzeln, häufig zu zweit aber auch manchmal in kleinen Gruppen das Land mit dem Fahrrad erradelten. Auch das ist machbar erfordert aber nach unserer Auffassung eine gewisse Portion Masochismus und stahlharten, sportlichen Durchhaltewillen.

Die Hauptstraßen Argentiniens mit dem Kürzel ‚RN‘, was für Ruta National steht, sind geteert aber schmal. Sie sind jedoch gut befahrbar. Seitenwege und Straßen niederer Kategorie sind häufig Schotterwege. Die Autodichte ist niedrig, auf Schotterstrecken fährt man manchmal stundenlang ohne einem anderen Fahrzeug zu begegnen. Dafür hinterläßt man selbst eine riesige Staubfahne und kann entgegenkommende Fahrzeuge schon kilometerweit entfernt frühzeitig am aufgewirbelten Staub erkennen.

Fährt man in Argentinien in eine größere Stadt hinein oder wieder hinaus muß man eine Polizeikontrolle passieren. Manchmal winken uns die Polizisten durch, manchmal kontrollieren sie unsere Pässe und den Führerschein, fragen wo man herkommt und wo man hinfährt und nach der Nationalität und sie gehen einmal um das Auto herum. In einigen Fällen, besonders wenn Militäranlagen in der Nähe sind und die gibt es im Osten an der Atlantikküste häufig, werden unsere Angaben in Listen eingetragen. Was mit diesen Daten passiert haben wir uns oft gefragt ohne eine schlüssige Antwort zu finden.

In dem riesigen Land Argentinien sind fast alle Klimazonen der Erde vertreten, von tropischen im Nordosten bis zu arktischen im äußersten Süden. Wir haben – abgesehen von einigen Regentagen – das Klima als durchaus angenehm empfunden. Hatten wir in Buenos Aires etwa 25° und in Bariloche 20°, dann sank die Temperatur auf Feuerland auf 10° am Tage. Hier wurde in den Hotels in denen wir übernachteten geheizt sodass es richtig kuschelig warm war.

Fährt man in Argentiniens Süden so kann man sich dem nationalen Trauma um die Rückeroberung der ‚Islas Malvinas‘ bzw. der Falkland Inseln 1982 nicht entziehen. Von Militärbasen in Patagonien und Feuerland, besonders von Stützpunkten in den Städten Puerto San Julian, Rio Santa Cruz, Rio Gallegos und Rio Grande sind die militärischen Aktionen von argentinischer Seite zur Rückeroberung der Inseln ausgegangen.

Die ‚Islas Malvinas‘ sieht Argentinien besonders nach dem Falkland Krieg 1982 als einen festen Bestandteil seines Staatsgebietes an. Immer wieder treffen wir im Süden auf große Schilder mit der Aufschrift: ‚Las Islas Malvinas son Argentinas‘ bzw. ‚Die Malivinas Inseln gehören zu Argentinien‘. Immer wieder sahen wir in Städten an der Atlantikküste große Plätze mit militärisch ausgeschmückten Denkmälern des heroischen Kampfes der argentinischen Truppen zur Rückeroberung der Malvinas und einiger anderer kleinerer, von Großbritanien ‚besetzten‘ Inseln im Südatlantik.

Bei soviel offensichtlichem Pathos wurden wir natürlich neugierig: Wie begründen Argentinien und Großbritanien ihre staatlichen Ansprüche auf diese unbedeutende Inselgruppe im Südatlantik, 12.000 Kilometer von Großbritanien aber nur 700 Kilometer von Argentinien entfernt und wie kam es damals vor 30 Jahren zum Krieg zwischen diesen beiden westlichen Ländern?

Wir wurden auf einer Wikipediaseite im Internet fündig. Von einem längeren, spannend geschriebenen Wikipedia Artikel über den Falkland Krieg lernten wir viel über den geschichtlichen Hintergrund der Gebietsansprüche Argentiniens, warum der Krieg letztlich ausbrach und wie genau die Rückeroberung der Inseln durch die britische Armee ablief.

Ursprünglich hatte ein englischer Kapitän die unbesiedelten Inseln 1690 aufgesucht und – wie damals üblich – sie zu britischem Hoheitsgebiet erklärt. Anschließend gründete ein Franzose 1764 eine französische Kolonie auf den von den Franzosen ‚Iles Malouines‘ genannten Inseln, die Frankreich 1766 an Spanien verkaufte. Es kam wie es kommen mußte: Eine spanische Kolonie französischen Ursprungs auf königlich britischem Boden führte zu einem Konflikt, den aber beide Seiten nicht eskalieren wollten und 1771 friedlich vertraglich beendeten indem man die britische Hoheit anerkannte aber auch die spanische Nutzung legalisierte.

Im Jahre 1808 besetzten Napoleons Truppen Spanien und als Folge zerfiel das spanische Kolonialreich in Südamerika. Die einzelnen Überseeprovinzen erklärten sich zu unabhängigen Staaten.

Argentinien sah sich nun als Rechtsnachfolger für alle spanischen Besitzungen auf seinem Territorium und damit auch für die Islas Malvinas. Es ging viel Zeit ins Land in der nichts geschah. Nach dem zweiten Weltkrieg kam das Malvinas Problem vor die UNO, die beide Länder, Argentinien und Großbritanien aufforderte, in Verhandlungen die territoriale Streitfrage friedlich zu lösen.

Großbritanien führte diese Verhandlungen wohl äußerst schleppend und sehr mißverständlich. Einerseits wollten die Briten in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, als es ihnen wirtschaftlich schlecht ging, ihr Kolonialreich auflösen, andererseits sträubten sich die etwa 2.000 Inselbewohner gegen ein Abtrennen vom Vereinigten Königreich und einer irgendwie gearteten Angliederung an Argentinien. Zwischenzeitlich stellte Großbritanien die finanzielle Unterstützung der wöchentlichen Fähre nach Montevideo in Uruguay ein, woraufhin diese Verbindung eingestellt werden mußte. An deren Stelle eröffnete Argentinien eine Inlandsflugverbindung zwischen den Inseln und dem argentinischen Festland. Großbritanien stellte auch den Straßenbau auf den Falklands ein; argentinische Firmen sprangen ein mit finanzieller Unterstützung des argentinischen Verteidigungsministeriums.

Argentinien auf der anderen Seite versuchte wohl durch seine großzügige Präsenz auf den Malvinas die Einwohner auf seine Seite zu ziehen. Andererseits bestand man bei den Verhandlungen mit dem Vereinigten Königreich unnachgiebig auf einer vollständigen Eingliederung der Malvinas in das argentinische Staatswesen ohne über Sonderrechte oder einen Autonomiestatus verhandeln zu wollen.

Es kam also wie es kommen mußte: Die Verhandlungen führten ins Leere.

Großbritanien zog seine im Südatlantik stationierten Kriegsschiffe ab, da für die Rolle, die Großbritanien in der NATO zugewiesen wurde, Kriegsschiffe dieser Art nicht mehr gebraucht wurden und man eine militärische Präsenz im Südatlantik für nicht erforderlich hielt. Argentinien erlebte die Schreckensherrschaft der Militärdiktaturen, zuerst durch Videla, dann durch Galtieri. Zehntausende Oppositionelle verschwanden spurlos, gefoltert und ermordet. Die argentinische Wirtschaft verfiel Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts in eine schwere Rezession. Es gab Generalstreiks und Demonstrationen in Buenos Aires gegen das Miltärregime und dessen Unfähigkeit das Land zu regieren.

In diesem Umfeld bestellte das argentinische Militär modernste Luft-Schiff Exocet Raketen zur Bekämpfung von Schiffen und neue, moderne Mirage Kampfflugzeuge in Frankreich. Die Militäjunta ließ Landungspläne für die Malvinas ausarbeiten und startete die ‚Rückeroberung‘ der Malvinas ganz überraschend am 2. April 1982, wohl auch um im folgenden nationalistischen Rausch von den politischen und wirtschaftlichen Problemen des Landes abzulenken.

Natürlich konnte Großbritanien es nicht zulassen, dass seine Bürger im Handstreich von einem diktatorischen Regime einverleibt wurden. Es gab zwar Vermittlungsversuche vom damaligen amerikanischen Präsidenten Reagan und von Chile doch sie scheiterten allesamt, da die argentinische Junta auf keinen Fall ihre Truppen von den Inseln abziehen wollte.

Es kam wie es kommen mußte: Großbritanien unter der Premierministerin Margret Thatcher setzte seine Kriegsmaschine in Gang und am 14. Juni 1982 waren die Islas Malvinas wieder die Falklands. Das Fazit: Etwa 650 tote Argentinier, 250 tote Briten und etwa 18 getötete Inselbewohner. Die Junta wurde Ende 1982 gestürzt und seit dieser Zeit ist Argentinien wieder ein demokratisch regiertes Land.

Trotzdem: Das Malvinas Trauma bleibt und verstärkt sich gerade in diesem Jahr, dem 30. Jahrestag des Kriegsdesasters. In den argentinischen Zeitungen lasen wir zum Beispiel wütende Berichte als der britische Prinz William im Rahmen seiner Militärausbildung auf den Falklands weilte.

Erst heute gab es einen hämischen Bericht auf der ersten Seite der chilenischen Lokalzeitung von Punta Arenas auf der chilenischen Seite Patagoniens. Argentinien hatte ein Kreuzfahrtschiff, die Star Prinzess, die, weil viele britische Passagiere an Bord waren, auf ihrer Kreuzfahrt einen Zwischenstopp auf den Falklands einlegte um dann in den Hafen von Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt, im argentinischen Feuerland, einzulaufen, die Einfahrt in die argentinischen Hoheitsgewässer verweigert. Nun fuhr das Schiff durch die Magellanstraße und legte in Punta Arenas, der südlichsten Stadt auf dem amerikanischen Festland in Chile an. Die lokale chilenische Zeitung interviewte genüßlich zwei britische Passagiere der Star Prinzess, die erläuterten, dass sie schon in vielen Ländern gewesen seien aber ein solches Einreiseverbot wie von Argentinien ausgesprochen nie erlebt hatten, dass ihnen das chilenische Punta Arenas sehr gut gefallen hat und dass sie sicher wieder aber nicht nach Argentinien sondern nach Chile kommen werden. Wir dachten, als wir das so lasen: Oh da geht mit den argentinischen Gauchos wohl das Pferd durch aber so sind sie nun einmal unsere argentinischen Freunde.

In dieses Bild passt auch folgendes Erlebnis: Wir besuchten eines der drei Militärdenkmäler in Rio Gallego. Das Malvinas Denkmal hatte die argentinische Fahne in der Mitte und auf einer strahlend weiss verputzten Mauer waren Tafeln der örtlichen Regimenter, die sich am Krieg um die Malvinas tapfer beteiligt hatten, angebracht und es gab Gedenktafeln an die toten argentinischen Helden. Sah man sich das Denkmal aber von hinten an so hatten die Erbauer es doch tatsächlich fertig gebracht, es nicht zu verputzen! Der graue, häßliche Gasbeton mit vielen Graffiti Schmierereien war zu sehen. Wir waren enttäuscht. Nein, so eine Gedanken- und Respektlosigkeit haben die argentinischen Helden nicht verdient. Ganz sicher.

Unsere Reise führte uns weiter nach Feuerland. Mit dem Auto von Argentinien kommend muß man im Transit in Chile einreisen, die Magellanstraße an ihrer schmalsten, östlichen vier Kilometer breiten Stelle mit dem Schiff passieren, dann 150 Kilometer über chilenisches Staatsgebiet auf Feuerland auf Schotter fahren und kann letztlich bei San Sebastian wieder in Argentinien einreisen.

Als EU-Europäer ist man heute ein stempelfreies Reisen zwischen europäischen Nachbarstaaten gewohnt. Nicht so wenn man von Argentinien nach Chile oder umgekehrt auch nur im Transit reist. Man bekommt einen Laufzettel und zwei auszufüllende Formulare mit Durchschlägen pro Person. Erst reist man aus Argentinien aus, dann muß man die argentinische Ausreise des Autos auf einem speziellen Formular stempeln lassen. Nun geht es zur chilenischen Einreise mit Abstempeln des Passes, dann wird die Einreise des Autos in Chile gestempelt und am Schluß erfolgt das Abstempeln des Formulars des chilenischen Zolls. Bestimmte Lebensmittel wie argentinische Gurken, Äpfel, Zitronen und rohe Eier darf man nicht nach Chile mitnehmen. Wir haben auf dem Zollformular immer mit Ja gekreuzt, wenn gefragt wurde ob wir Agrarprodukte dabei haben. Anschließend bei der physischen Einreise mit dem Auto nach Chile ließen wir den Zollbeamten in unserem Lebensmittelkorb alles raussuchen was ihm nicht passt. Bei der ersten Einreise nach Chile ging der Beamte hochbepackt mit Äpfeln, Tomaten, Eiern und Gurken zurück in sein Häuschen. Wir dachten uns, das wird ein leckeres Mahl heute zum Lunch in dieser Einöde geben.

Wir staunen und haben es nicht erwartet: Hier auf der argentinischen Seite von Feuerland gibt es keine Benzinknappheit, keine Schlangen vor Tankstellen. Das ist eine gute Nachricht. Das lange Anstehen an der Zapfsäule entfällt damit glücklicherweise. Es wird wohl an den vielen, zahlungskräftigen Touristen liegen, die der Petro Monopolist YPF mit langen Schlangen beim Tanken nicht vergraulen will.

Fährt man von Rio Grande nach Ushuaia, der Endstation aller Straßen in Südamerika, so wechselt die Landschaft von trocken arktischem Grasland hin zu Buschland und Wald. Die flache Ebene geht über in Berge, es wird kälter und man findet sich wieder in einer Landschaft, die viel Ähnlichkeit mit Nordnorwegen hat. Ushuaia unser südlichstes Ziel ist ein kleines Städtchen, das wohl ausschließlich vom Tourismus und dem auf Feuerland, wie im nördlicheren Patagonien, geförderten Rohöl lebt. Es ist nett da gewesen zu sein, mehr nicht.


Am Schluß des Artikels gibt es unseren Fahrweg für diesen Streckenabschnitt wie üblich als GPS Track File hier zum Download:

  ARGFeuerland (238,4 KiB, 423 hits)

Schlagworte: ,

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Fotos und Inhalt ©2009-2017. Impressum WebGalerie jAlbum Musik Harpish, Highland Webhost velogrid Weblog Wordpress