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Nepal, von Kathmandu nach Chitwan

Kommt man von Dubai über Delhi direkt nach Kathmandu, der Hauptstadt Nepals, eingeflogen so muß man sich radikal und unmittelbar auf eines der ärmsten Länder der Welt und auf die asiatische Großstadt Kathmandu einstellen.

Bevor ich unsere eigenen Reiseerfahrungen schildere, möchte ich dem Leser Nepal an dieser Stelle etwas ausführlicher vorstellen:

Hat Nepal geschätzt etwas über 30 Millionen Einwohner bei einer Fläche knapp halb so groß wie Deutschland so sind einige geografische Daten beeindruckender: Das Höhenprofil vom Gangestiefland im Süden mit ca. 70 Metern reicht bis hinauf zum höchsten Berg der Erde, dem Mt. Everest mit 8.848 Metern. Acht der höchsten Berge der Erde, alle über 8.000 Meter, liegen auf dem Staatsgebiet Nepals. Man findet tropisch und subtropische Klimazonen, gemäßigte die übergehen in alpine und arktische Zonen. Die Topografiie des Landes mit der fast unbewohnbaren Bergwelt des Himalayas im Norden führt dazu, dass fast alle Nepali in den südlichen, tieferen Landesteilen leben. Ist die statistische Bevölkerungsdichte des Landes nur etwas niedriger als die Deutschlands so führt diese Einschränkung des Lebensraumes durch die Bergwelt zu einem engeren Zusammenleben der Menschen in Nepal als wir das von Deutschland her kennen – und das spürt man als durchreisender Gast.

Das Land ist sehr arm. Bei einem Wohlstandsvergleich mit anderen Ländern landet Nepal weit hinten, etwa auf einer Stufe mit Staaten wie Angola in Afrika. Industriebetriebe haben wir nicht gesehen, sie müssen sehr rar sein. Alles ist landwirtschaftlich orientiert mit einem ausgeprägten Handeln mit landwirtschaftlichen Produkten auf lokalen Märkten oder direkt an der Straße.

Hatte man als flüchtiger Besucher in Dubai-Stadt den Eindruck, dass das Staatswesen einem planlosen Kaufrausch verfallen war so hat man in Kathmandu und in ganz Nepal den Eindruck, einer planlosen Mangelwirtschaft und der Kapitulation des Staates, der im übrigen wohl noch nie richtig präsent war, vor den Herausforderungen einer Bevölkerungsexplosion, Landflucht und dem ausufernden, motorisierten Individualverkehr. Erst vor etwas über zehn Jahren hat sich Nepal langsam von einem absolutistisch regierten Königreich zu einer parlamentarischen Republik gewandelt und damit die Voraussetzung für einen modernen, handlungsfähigen Staat geschaffen.

Man spricht häufig davon, dass der Weg schon das Ziel ist. Bei unserer Reise nach Chitwan war es so.

Eine lange Schlange Busse wartete Morgens um 7 Uhr auf Reisende, die in alle Regionen des Landes fahren wollten. Touristen mit ihrem Reisegepäck und schicken, neuen Outdoor Equipment gemischt mit Einheimischen mit ihrem armseligen Hausrat. Es war ein totales Durcheinander mitten im chaotischen Morgenverkehr Kathmandus. Will man in Nepal reisen so kann man das nur mit dem Flugzeug und den unzähligen Bussen; eine Eisenbahn gibt es hier nicht. Die Busse sind alt und zeigen deutliche Gebrauchsspuren – drinnen und draußen. Sicherheitsgurte, Klimaanlage oder Toilette gibt es nicht.

Der Bussfahrer ist der Chef und die absolute Autoritätsperson. Ihm zur Seite stehen ein bis zwei junge Männer, die Tickets kontrollieren und das Gepäck verstauen – im Unterflur Staufach des Fahrzeugs oder auf dem Dach.

Die 170 Kilometer weite Busfahrt von Kathmandu nach Chitwan im Süden Nepals nicht weit von der Grenze zu Indien entfernt dauert gut 6 Stunden. Der Bus quält sich durch den chaotischen Morgenverkehr Kathmandus und braucht hierzu schon fast eine Stunde. Dann geht es hinauf zu einem Pass über den man das Kathmandu Tal verläßt. Jetzt folgt die Straße windungsreich fast bis Chitwan dem Trisuli Fluß, der sich in einem tiefen, v-förmigen Tal in die Bergwelt eingeschnitten hat und später einmal in einen der Nebenflüsse des Ganges einmündet. Etwa 50 Kilometer vor Ende der Reise erreicht man das südliche flache Tiefland Nepals, das Terai, in dem der Chitwan Nationalpark liegt.

Die Straße, die der Bus fuhr, ist eine der wichtigsten Ausfallstraßen Kathmandus. Hier geht es nach Pokhara, der drittgrößten Stadt des Landes und zur indischen Grenze. Die Straße ist schmal, sehr schmal. Teils geteert, teils schotter. Bergrutsche wurden notdürftig mit grobem Kies geflickt, häufig geht es direkt neben der Straße steil einige hundert Meter den Hang hinunter. Sicherungen gegen einen Absturz existieren nicht. Die fielen Schlaglöcher in der Teerdecke und der grobe Schotter rütteln den Bus kräftig durch und das Fahrwerk und die Reifen leisten Schwerstarbeit. Die Fahrgäste werden kräftig durchgeschüttelt, manchmal katapultiert es einen unverhofft senkrecht aus dem Sitz und wieder zurück.

Auf dieser Straße ist alles in Bewegung: Menschen groß und klein zu Fuß, Hunde, Kühe und Ziegen, Fahrräder und Motorräder, Autos und alle Varianten von Bussen von klein bis groß und Lastwagen zur Versorgung Kathmandus. Alle Fahrzeuge sind alt und noch älter. Neue haben wir nicht gesehen. Meistens dominieren japanische Modelle, die Busse und Lastwagen stammen fast ausschließlich vom indischen Hersteller Tata.

Der Busfahrer ist ein wahrer Künstler. Jetzt verstehen wir warum er der Chef ist. Er überholt Busse und Lastwagen, wenn wir schon das letzte Stoßgebet gen Himmel schicken, souverän unter Einsatz der Hupe und aller Lichtsignale. Manchmal denken wir: Das kann nicht klappen aber es klappt. In Nepal herrschen keine Verkehrsregeln wie bei uns sondern hier wird die Sache selbst in die Hand genommen und miteinander ausgehandelt: Will jemand überholen so schert er aus und hupt kräftig um dem zu Überholenden mitzuteilen, dass er Unterstützung braucht. Der Überholte fährt dann weit links – es herrscht in Nepal Linksverkehr – passt seine Geschwindigkeit gegebenenfalls an, und läßt seinen Kollegen passieren. Kommt einer entgegen verwendet man die Lichthupe und Hupe. Entweder der Fahrer auf der Gegenspur verlangsamt oder bleibt sogar stehen damit der Überholvorgang abgeschlossen werden kann oder der Überholende bricht ab. Agression im Straßenverkehr haben wir nirgendwo gesehen. Die Huperei dient in Nepal der Verkehrsregulierung; Schilder gibt es nicht. Man fährt zwar meistens links aber man könnte auch rechts fahren wenn man es mit den anderen so per Zeichen abgestimmt hat. Wir, die wir an Verkehrsregeln gewöhnt sind, die jeder auch befolgt, könnten hier nicht Auto fahren. Wir würden ein Chaos verursachen, da wir ihre Nepali Verkehrssprache nicht verstehen.

Auf der Landstraße war nicht nur der fließende Verkehr zu beachten sondern ruhenden gab es auch. Lastwagenfahrer halten einfach ihr Fahrzeug auf der Straße an falls die Blase drückt. Sie verschwinden dann im Busch und der Straßenverkehr quält sich hupend um das Hindernis herum. Eine Werkstatt haben wir gesehen, die Lastwagen auf der Straße reparierte. Der Monteur lag unter der hinteren Achse des Fahrzeugs und schraubte am Differential. Das Hupen und Chaos, das er anrichtete störte ihn und alle anderen nicht. Alle schauten, dass sie sich mit dieser Situation arrangieren und schnell weiter kommen konnten. Jemand baute sein Haus und lagerte einen Haufen Kies auf der Straße weil vor dem Haus kein Platz war. Auch dies kein Grund zur Aufregung.

Die Busse nehmen nicht nur Fahrgäste im Bus auf Sitzplätzen wie wir es kennen mit. Häufig sitzen Reisende oben auf dem Dach des Busses mitten in dem dort verstauten Gepäck. Manche Busse transportieren kleine Ziegenherden auf dem Dach. Bei einem Überholvorgang wäre fast eine Ziege vom Dach auf unseren Bus gefallen – da mußte sogar unser Busfahrer grinsen.

Am härtesten trifft es die Landbewohner direkt an der Straße. Die ganze Strecke über sahen wir direkt in die Häuschen, Ställe und Unterstände von Nepali, die unmittelbar neben der Straße wohnten. Wir konnten das Familienleben beobachten, wer noch schlief, wer was arbeitete oder ob die Familie beim Tee zusammen saß. Man sah, dass die Tiere, besonders Hunde, Büffel, Ziegen und Hüner mit zur Familie gehörten. Alle mußten den Krach, den Gestank und Staub ertragen – und das 24 Stunden am Tag. In der Nacht muß es die Hölle sein. Wir könnten hier nicht überleben.

Angekommen an der Endstation hinter der Stadt Chitwan stoppte der Bus auf einem Platz im ländlichen Nichts. Taxi und Hotelfahrzeuge warteten auf ihre Gäste und auch wir fanden unseren Abholservice, der uns in das gebuchte Elephant Safari Resort brachte.

Wie wir es erfuhren ist der Chitwan National Park nicht individuell zu erkunden. Der Grund sind sicher nicht nur die wilden Tiere, die für Menschen durchaus sehr gefährlich sein können, sondern auch das Fehlen von Wegen auf denen man sicher gehen kann ohne sich zu verlaufen. Üblicherweise bucht man ein Safariprogramm. In unserem Fall einen einstündigen Ritt auf einem indischen Elefanten – übrigens kann man die afrikanischen entfernten Verwandten nicht abrichten – im Dschungel, eine Kanutour im Einbaum, eine Tiererkundungswanderung mit einheimischem Führer, ein Besuch in einem nepalesischen Dorf und die Teilnahme an einer Folkloredarbietung. Sieht man von der Tierwelt besonders Nashörner auch Rhinos genannt, eine Vielzahl Wild wie Rehe oder Hirsche und Krokodile und verschiedene Vögel darunter Eisvögel so sind die Tiger, wilden Elefanten und Bären sehr selten zu erblicken. Neben diesem abwechslungsreichen Outdoor Programm fanden wir den Einblick in das dörfliche Leben der Nepali im Süden nahe der Grenze zu Indien äußerst interessant. So muß es bei uns auch im Mittelalter ausgesehen haben – denkt man sich die Motorräder und den Traktor einmal weg.



Wer unsere Höllenfahrt von Kathmandu nach Chitwan am GPS verfolgen möchte lade den unten bereitgestellten GPS Track File herunter und importiere ihn in Google Earth oder in sein GPS. Anleitungen findet man beim Googeln.

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  1. Kerstin Bültena’s Avatar

    Hallo liebe Glasenapps,
    großartige Fotos und ein toller Reisebericht. Ich hoffe, es geht euch gut und viele Grüße aus Sechtem!

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  2. Herbert Gans (FFC)’s Avatar

    Das war wohl ein Jahrtausend-Schock – von Dubai nach Nepal! Habe Dubai im Jahr 2000 kennengelernt.

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