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Malexander, Landschaft und Freizeitsport

Auf der Rückfahrt von Smögen an der Westküste zum Campingplatz auf Råssö haben wir uns über die weitere Urlaubsplanung unterhalten: „Vammerviken auf Dalsland und eine Woche paddeln auf dem einsamen Foxen, das wär doch toll. Mal weg vom Trubel an der Westküste“.

In diese Träumereien meldete sich eine verzagte Stimme von den hinteren Sitzen: „Ich will nicht auf Paddeltour in Dalsland. Ich will nach Malexander zu meinen Freunden“. Wir Erwachsene sahen uns nur an und unsere Paddelträume zerplatzten und die Realität hatte uns wieder: Also auf nach Malexander.

Opa Do war schon zwei Wochen mit seiner Frau und seinen beiden Enkeln Simon und Vincent, 15 und 10 Jahre, auf dem ziemlich leeren Campingplatz in Malexander. Wir nannten ihn Opa Do, weil wir zuerst seinen richtigen Namen nicht kannten und man als Camper erst mal auf das Nummernschild des Autos schaut um zu wissen aus welcher Gegend Deutschlands die Nachbarn denn so kommen. Opa Do, Rentner von Beruf, kam aus Dortmund. Er hatte sich bereit erklärt die beiden Jungs seiner Tochter drei Wochen nach Schweden mit zu nehmen. Beide Enkel hatten klare Vorstellungen vom Schwedenurlaub: Sie wollten nicht mit Opa und Oma auf deren schwedischen Bauernhof zwischen Vättern und Vänern mit eigener Badebucht urlauben sondern wie letztes Jahr zu ihren Freunden nach Malexander auf den dortigen Campingplatz. Da Opa Do und seine Frau gutmütig und kinderlieb sind spannten Sie den Wohnwagen vor ihren Skoda Diesel und fuhren vom schwedischen Anwesen die drei Stunden zum Campingplatz von Malexander in die freie Natur. Das Problem war, dass die Freunde aus NRW und Hessen noch gar nicht angekommen waren, die Jungs waren hier so alleine wie auf dem Bauerhof nur man wohnte etwas beengter. Dann kamen wir am Samstag abend an und die Situation änderte sich schlagartig: Die Großeltern waren erlöst und wir nebenbei auch. Das Jungen Trio Simon, Vincent und Christian suchte sich Beschäftigung und die Erwachsenen konnten sich mit einer Tasse Kaffee ins Vorzelt setzen und den gepflegten Smalltalk mit den Campingnachbarn aufnehmen.

Opa Do spricht ein leichtes Westfälisch, was uns Rheinländern sofort auffällt. Sein Leitspruch ist: „Wenn nicht jetzt, wann dann …“ und entsprechend hat er vieles in seinem Leben ausprobiert und er weiss so manches Geschichtchen sehr lebendig und spannend zu erzählen. Angefangen von seiner Jugend mit dem Vater, der in Stalingrad vermisst wurde über die Flucht aus dem Sudentenland, die ersten Jahre auf einem Dorf bei Hannover als nicht willkommene Flüchtlinge und dann der Umzug nach Dortmund, wo Bergbaukumpel gebraucht wurden. Später die Arbeit bei Hösch als Konstrukteur und dann zur Fusion mit Krupp die Abfindung und das Ausscheiden aus dem Berufsleben mit 52 Jahren. Wir bekamen lebhafte Schilderungen über Norwegen und Schweden nach dem Motto „Hier müßt ihr hin und da müßt ihr hin“. Alles notiert auf unserer Straßenkarte. Wir lernten, wie man ein Anwesen in Schweden kauft, dass der Makler die zentrale Figur ist und auch die Grundbucheintragung abwickelt und wie man das so im Winter mit einem Anwesen regelt, dass nichts einfriert und dass man Brennholz von den Nachbarn organisiert. Als wir auf dem Campingplatz ankamen hatte Opa Do aber ein ganz anderes Problem.

Er hatte Simon von dessen Urlaubsgeld im 35KM entfernten Tranås in einem dortigen Spielwarenladen ein ferngesteuertes Plastikflugzeug gekauft und versuchte nun verzweifelt es auf einer Wiese am Platz zum Starten zu bewegen. Das klappte aber gar nicht und das Flugzeug begann sich langsam in Teile zu zerlegen. Also fuhr er wieder nach Tranås zum Spielwarenladen und reklamierte und kam tatsächlich mit einem neuen Flugzeug zurück. Es erfolgte das Aufladen der Batterien und erneute Startversuche. Aber auch hier: Der Auftrieb reichte nicht um das Gerät in die Luft zu bekommen, es holperte nur auf drei Rädern unbeholfen über die Wiese. Als alles schon im Desaster zu enden schien berichteten wir von ferngesteuerten, kleinen Motorbooten, die Jungs in den Schären bei Råssö wendig über das Wasser lenkten. Die Boote schienen sehr flink und robust zu sein denn es machte ihnen nichts aus selbst über flache Unterwasserfelsen zu schrammen. Opa Do war überzeugt, packte das Flugzeug ein und fuhr mit den Jungs zurück zum Spielwarenladen. Er konnte die Verkäuferin sogar vom Umtausch überzeugen und kam nach einigen Stunden mit einem schnittigen Motorboot ‚Made in China‘ zurück. Also Batterie aufladen und Motortest im Trockenen am Campingtisch … aber das Boot tat keinen Mucks. Nun begann das Fachsimpeln und Tüfteln. Es konnte ja nur ein kleiner Fehler sein, nicht wie beim Flugzeug, das konstruktiv keinen Auftrieb entwickelte. Die Batterien wurden gemessen, Anschlüsse auf richtigen Sitz kontrolliert, die Antenne noch mal richtig ausgerichtet aber alles ohne Erfolg. Die Bootsmotoren rührten sich nicht. Also wieder einpacken und zurück die 35KM nach Tranås zum Geschäft. Hier sagte man ihm, dass das Boot nur dann fährt, wenn es im Wasser ist. Ah, darauf war keiner von uns gekommen. Ist wahrscheinlich ein Sicherheitsfeature. Nun war Opa Do aber skeptisch geworden und probierte das Boot gleich mal im See aus: Kein Mucks. Nun tauschte die Verkäuferin das Boot gegen ein neues und setzte die vollen Batterien ein. Test im Wasser: Kein Mucks. Jetzt war es Opa Do leid und er verlangte sein Geld zurück. Da reagierte die Verkäufering verlegen, telefonierte mit ihrem Chef und nach einigem Hin und Her und Verweis auf die EU Gewährleistungsregelung zahlte man ihn aus. Mit dem Geld ging Opa Do in den nächsten Spielwarenladen, investierte es und noch etwas mehr in ein neues, noch schickeres ferngesteuertes Motorboot. Zurück zum Zeltplatz in Malexander, Batterien aufgeladen, aufs Wasser gesetzt und … es funktionierte! Nur war der Spaß nicht von langer Dauer: Der Hersteller hatte an der Akkuqualität gespart. Nach 15 Minuten war der Spaß vorbei und das Boot mußte mehrere Stunden an die Ladestation. Nun, was soll ich sagen: Das Boot war nicht der Hit und war nicht viel im Einsatz. Die Jungs hatten das Baden, Hafen bauen und Fußballspielen entdeckt und dabei muß man nichts aufladen. Ein Mensch funktioniert bis Abends der Akku leer ist und er kraftlos ins Bett fällt.

Irgendwann beim Blick aus dem Wohnwagenfenster war klar: Leschek kommt. Leschek fuhr gerade mit einem silbernen Volvo V70 Kombi und Wohnwagen auf den Platz. Er, seine Frau und sein jüngster Sohn Kacper, 11 Jahre alt stammen aus Polen, genauer aus der Nähe von Danzig. Letztes Jahr noch im Zelt und mit einem alten, roten Volvo beantworteten sie die Frage, ob sie nächstes Jahr wieder kommen würden, eher pessimistisch und zurückhaltend. Leschek spricht zwar gut Deutsch aber seine Frau und Kacper nicht oder nur ein paar aufgeschnappte Worte. Das machte die Konversation mit den vielen Deutschen auf dem Platz nicht einfach und außerdem verlangte das Zelt der Familie bei schwedischen Wetterverhältnissen eine Menge Überlebenswillen. Ging es aber um Fußball oder generell um Sport und Angeln so ist Leschek und sein Sohn immer voll mit dabei. Wo Kacper ist, ist der Fußball nicht weit und geht Leschek ganz früh Morgens mit Kacper, Jannis und Erik Angeln an einen versteckten See etwas abseits der Straße nach Kisa so gibt es anschließend Fisch zum Frühstück. Das war letztes Jahr so und da ändert sich auch nichts dran.

Ende Juli wurde es dann voller auf dem Platz, denn nun kam ein ganzer Schwung überzeugter Malexander Fans: Christof und Steffi mit Sohn Lukas, Ralf und Claudia mit Jannis und Finja, Anette mit ihren 2 Kindern Erik und Lina und Franz und Anke mit Leander. Später per RyanAir gesellten sich noch die 20 jährigen Sebastian, Johannes, Lukas und Laura hinzu. Das, was Malexander wirklich ausmacht ist die Kreativität, die die Rotte der Kinder in dieser Welt der Großen Freiheit entwickeln und die sich jetzt, wo sie alle beisammen waren, voll entfalten konnte. Die Kinder haben praktisch alle Freiheiten, können alles, was die Natur so reichhaltig bietet annehmen und vor allen Dingen alle, eingeschlossen die Erwachsenen haben viel, viel Zeit, Muße und Geduld. Fußball und Völkerball mit den Erwachsenen ist immer ein Hit, Motorboot fahren mit Christof, Ralf und Martin um schnell auf einsame Inseln oder Badefelsen zu kommen auch. Angeln mit einer Treibangel hinter einem langsam fahrenden Motorboot wie die Profis, Hafen bauen an der Uferböschung, natürlich Baden zu zweit oder in der ganzen Rotte, Katamaran segeln oder Surfen für die Älteren und bei schlechtem Wetter in einem der Wohnwagen sich verkriechen und Spiele spielen, alles begehrte Freizeitaktivitäten. Abends wird dann ab und an ein gemeinschaftliches Grillen verabredet mit Life Musik zu später Stunde dageboten von den Künstlern Stefi und Matthias. Es gibt keine Animateure wie anderswo im Urlaub, sondern es wird alles selbst ausgehandelt und organisiert. Dies Paradies fern von elektronischen Medien und abseits der Hektik unserer modernen Zeit, das ist Malexander und das macht es so einzigartig.

Ein letztes Wort gebührt Matts. Er ist geboren in Malexander und mit seinen über 70 Jahren emeritierter Professor der Ökonomie in Uppsala. Im Sommer wohnt er in seinem Haus in Malexander. Ihm gehört ‚Malexander Segel‘. ‚Malexander Segel‘ ist ein improvisierter Verleih von zwei fahrfähigen Katamaranen, einigen Optimisten und Surfbretter mit Riggs, die mehr oder weniger einsatzfähig sind. Das unscheinbare, schon etwas verrottete Schild ‚Malexander Segel‘ findet man direkt neben dem Badestrand. Ist das Wetter schlecht oder weht kein Wind sieht man Matts nicht, kommt dagegen Wind auf so sieht man ihn an seinem Steg stehen, erzählend und immer irgendetwas an der Ausrüstung reparierend. Manchmal ist sein Neffe oder dessen Freund da mit denen die Älteren fachsimpeln oder auch mal im Katamaran rausfahren können. Matts nimmt es mit dem Ausleihen nicht so genau: Man meldet sich bei ihm an, sodass er weiss, dass man seine Ausrüstung benutzt. Er gibt dazu gerne viele hilfreiche Tipps wie man sich auf dem Surfbrett zu stellen hat und gegebenenfalls macht er’s auch mal vor. Am Ende der Ferien bezahlt man alles: Sehr unkompliziert gibt man an, wann man was benutzt hat, Matts rechnet etwas aus oder fragt in komplizierteren Fällen was man selbst in schwedischen Kronen errechnet hat, rundet dann häufig noch etwas ab und das ist es dann. Anschließend verabschiedet man sich herzlich und sichert Matts zu, im nächsten Jahr bestimmt und auf jeden Fall wieder zu kommen.

Landschaften Fotografieren in Malexander ist schwierig, wenn man alle Motive zu verschiedenen Tageszeiten in den Vorjahren schon abgelichtet hat, siehe z.Bsp. diesen Weblog. Trotzdem kann man einigen Motiven nicht widerstehen. Man findet 20 Auswahlbilder weiter unten als Teil dieses Weblogs ansonsten den Rest in der Fotogalerie.



Dieses Jahr wollte ich mehr die sportliche und künstlerische Seite von Malexander im Bild festhalten. Angehängt sind 36 Auswahlbilder, mehr gibt es in der Fotogalerie.


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  1. Klaus’s Avatar

    Tja..da kommt Gänsehaut pur…. 5 Jahre in den 80er meinen Urlaub in Malex verbracht.
    Ein Traum..für Kanuten absolut. Hatte damals die versteckte Durchfahrt vom Sommen in den kleinen See entdeckt. Durch das Schilmeer durch.

    Wehmut baut sich auf ..tolle Bilder

    Klaus

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  2. Franziska’s Avatar

    schöne Bilder! Da habe ich ja richtig was verpasst 🙂

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